Vibe Accounting.
Vibe Accounting in der KI-Blase: OpenAI fehlen 18 Mrd.

Am Donnerstag sind OpenAI 18 Milliarden Dollar Umsatz abhandengekommen. Ende September hieß es noch, der Jahresumsatz liege bei 68 Milliarden. Jetzt hat OpenAI seinen Investoren rund 50 genannt (CNBC). Der Nasdaq 100 fiel am selben Tag um 1,4 Prozent, ein Index der großen Chipkonzerne um 3,4 Prozent (Bloomberg).
Für die 18 Milliarden ist kein Kunde abgesprungen und kein Rechenzentrum abgebrannt. Es hat nur jemand anders gerechnet, und zwar so wie Anthropic.
Die KI-Konzerne rechnen gerade nach Gefühl, weil vor Börsengang und Finanzierungsrunde die größere Zahl die höhere Bewertung bringt. Bezahlen werden das ihre Kunden, denn die rechnen genauso: Sie zählen, was KI spart, und kaum, was sie einbringt.
Programmieren nach Gefühl heißt im Silicon Valley Vibe Coding. Man lässt die KI den Code schreiben und liest nicht so genau nach, was herauskommt. Erfunden hat den Begriff 2025 ausgerechnet ein Mitgründer von OpenAI, Andrej Karpathy (Wikipedia). Bei den eigenen Zahlen hält es die Branche gerade genauso. Nennen wir es Vibe Accounting. So wächst eine Blase, ohne dass jemand lügen muss.

Anthropic verdient Geld, solange man Gehälter weglässt
Anthropic hat im zweiten Quartal mehr als 11,5 Milliarden Dollar umgesetzt, 14-mal so viel wie ein Jahr zuvor, und einen bereinigten operativen Gewinn ausgewiesen (CNBC nach Bloomberg). Mitte September hat das Unternehmen einer kleinen Gruppe von Aktionären gesagt, dass es im dritten Quartal wieder so aussieht (Financial Times).
Bereinigt ist das schönste Wort im Finanzdeutsch. Es heißt: Wir haben weggelassen, was stört. Bei Anthropic ist das unter anderem die Aktienvergütung, also Gehalt in Anteilen statt in Dollar. In der Kasse fehlt es nicht, bei den Aktionären schon.
Auch die Bruttomarge von über 80 Prozent rechnet die FT vor dem Anteil der Vertriebspartner wie Amazon und vor den Kosten fürs Training der Modelle. So gerechnet ist jede Bäckerei ein glänzendes Geschäft: vor der Ladenmiete und vor dem Ofen.
Den Rest der Rechnung kennt man seit dem 28. September, da hat Reuters den Entwurf des Börsenprospekts gelesen. 2025 hat Anthropic knapp 4,6 Milliarden Dollar umgesetzt und netto knapp 42 Milliarden verloren. Rund 34 Milliarden davon sind eine Buchung, weil Finanzierungen, die später zu Aktien werden können, im Wert gestiegen sind. Operativ blieb ein Verlust von mehr als 8 Milliarden (Reuters). Auch ohne die Buchung kamen auf jeden Dollar Umsatz also rund 1,75 Dollar Verlust.
Dazu kommen Verpflichtungen über 518 Milliarden Dollar für Rechenzentren und Cloud, verteilt auf rund zehn Jahre und sechs Partner, allein 111 Milliarden bei Google und 110 Milliarden bei Amazon. Rund 80 Prozent davon kann Anthropic nicht kündigen. Gezahlt wird, ob die Server rechnen oder Däumchen drehen (Reuters).
2025 hat Anthropic für Rechenleistung und Infrastruktur 7,33 Milliarden ausgegeben (Reuters). Meine Rechnung: Gleichmäßig auf zehn Jahre verteilt wären die Verpflichtungen gut 50 Milliarden im Jahr, siebenmal so viel. Anthropic rechnet damit, dass der Umsatz mitwächst. Ende Juli lag er hochgerechnet bei 65 Milliarden im Jahr (Financial Times).
Auf der anderen Seite stehen die Kunden. Fast ein Viertel des Umsatzes 2025 kam von zwei Kunden, und viele der größten haben laut Prospekt keine langfristigen Verträge. Sie können weniger kaufen oder ganz aufhören (Reuters).

OpenAI war 18 Milliarden größer, solange es wie Anthropic rechnete
Die fast 70 Milliarden hatte OpenAI Investoren Ende September laut Reuters selbst signalisiert (Reuters). Am Donnerstag standen in der Investorenpräsentation rund 50 (CNBC).
Der Unterschied steckt im Rechenweg. Anthropic zählt Verkäufe, die über Amazons AWS oder Google Cloud laufen, voll als eigenen Umsatz und zahlt den Partnern davon rund 16 Cent je Dollar. 2025 lief laut einer Reuters-Analyse die Hälfte des Anthropic-Umsatzes über diese Partner. OpenAI zählt solche Verkäufe nicht mit (Reuters). Als würde ein Winzer jede Flasche, die der Supermarkt verkauft, zum Ladenpreis als eigenen Umsatz zählen.
Die 68 Milliarden enthielten den Bruttoumsatz der OpenAI-Partner, damit man OpenAI direkt neben Anthropic legen kann (CNBC). Laut FT hatten Investoren OpenAI so nachgerechnet (Bloomberg).
Meine Rechnung: 18 von 68 Milliarden, also mehr als ein Viertel der Zahl, waren Rechenweg. Auch das Duell der Quartale hat diesen Haken. Im zweiten Quartal hat Anthropic OpenAI zum ersten Mal überholt, 11,5 gegen 6,7 Milliarden (Reuters). Gezählt wurde auf beiden Seiten nur nicht gleich.
Dazu kommt das Wort „annualisiert“. Es heißt oft: ein Monat mal zwölf (Reuters). Ein guter Monat wird so zu einem guten Jahr, bevor das Jahr stattgefunden hat.
Am Freitag waren die 70 Milliarden wieder da. Laut Bloomberg erwartet OpenAI, das Jahr mit 70 Milliarden oder mehr zu beenden. Genannt hat das Unternehmen die Zahl in Gesprächen über eine neue Finanzierungsrunde: 30 Milliarden Dollar oder mehr, bei einer Bewertung von 1,4 Billionen Dollar vor dem frischen Geld (Bloomberg).

Die Telekom will mit KI dreimal so viel sparen wie verdienen
Am Montag hat die Telekom in Bonn ihren KI-Investorentag abgehalten. Tim Höttges sagte dort: „KI verändert die Telekom von Grund auf.“ Und: „Entscheidend ist, dass aus Technologie messbarer Nutzen entsteht.“ (Deutsche Telekom)
Gemessen wird vor allem an zwei Zahlen. Bis 2030 will die Telekom mit KI und Automatisierung rund 2,5 Milliarden Euro indirekte Kosten sparen, gerechnet gegen 2023. Schon 2027 sollen es außerhalb der USA rund 1,1 Milliarden brutto sein. Im Geschäft mit Unternehmen außerhalb der USA will sie mit KI rund 800 Millionen Euro umsetzen, nach rund 250 Millionen in diesem Jahr (Deutsche Telekom).
Meine Rechnung: Auf jeden Euro, den die Telekom 2030 mit KI verdienen will, kommen gut drei Euro, die sie sparen will. Für das Privatkundengeschäft steht in der Mitteilung keine Zahl, nur der Satz, dass neue KI-Dienste „zum Wachstum beitragen“ sollen.
Wo gespart wird, steht auch drin: im Netzbetrieb, im Kundenservice, in der Softwareentwicklung und in der Verwaltung. Der Chatbot „Frag Magenta“ hat im ersten Halbjahr rund 2,6 Millionen Anrufe übernommen, und in ersten Anwendungen sind die Beschwerden um 30 Prozent zurückgegangen. In den USA ist die Zahl der Anrufe im Kundenservice um 55 Prozent gesunken. Mehr als 100.000 Mitarbeitende hat die Telekom schon im Umgang mit KI geschult.
Die 800 Millionen sollen unter anderem von einer Plattform kommen, mit der Mittelständler wiederkehrende Aufgaben im Service oder in der Logistik automatisieren. Die Telekom verdient mit KI also auch daran, dass andere damit sparen.
Für deinen Montag: Frag im nächsten KI-Lenkungskreis, in welcher Zeile der Gewinn- und Verlustrechnung das Projekt 2027 auftaucht. Kommt als Antwort die Zahl der geschulten Mitarbeiter, ist es Vibe Accounting.

Das AI Native Playbook ist da.
Wer KI im Umsatz sehen will und nicht in der Nutzungsstatistik, muss die Firma umbauen und nicht die Lizenzen aufstocken. Wie das geht, steht im Playbook.
In der Strategieberatung zahlt man für so ein Betriebsmodell einen sechsstelligen Betrag, und am Ende steht es auf der letzten Folie. Das ist mein Erfahrungswert aus 13 Jahren Beratung. Im Playbook bekommst du die Essenz, ohne Folienschlacht und ohne Folgeauftrag.
Überall wird dir zu KI gerade Quatsch verkauft: Lizenzen, Piloten, Prompt-Kurse. Dabei kann die Technik heute fast alles, was deine Firma von ihr will. Was fehlt, ist die Firma dazu: wer entscheidet, wie die Arbeit fließt und welches Betriebsmodell die KI arbeiten lässt. Welches Modell du am Ende nimmst, ist fast egal.
Die erste Serie: „Die AI Native Company“. Zehn Kapitel, ab Mittwoch jede Woche eins.
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- Die Reihenfolge: Vier Schichten, die aufeinander aufbauen, und warum gescheiterte KI-Vorhaben fast immer oben anfangen.
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— Stephan
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Acht Sätze, kurz bevor das KI-Projekt kippt
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