Gezählt wird der Einsatz.

    Accenture deckelt KI: 29 Dollar pro Kopf und Monat

    ·10 Min Lesezeit
    Gezählt wird der Einsatz.

    Seit dem 1. Oktober zahlt Accenture seinen Leuten für Claude noch 29 Dollar im Monat. Pro Kopf. Wer mehr braucht, meldet einen Projektcode, auf den die Rechnung gebucht wird (404 Media). Zehn Monate vorher hatte dieselbe Firma mit Anthropic die größte Claude-Einführung angekündigt, die es bis dahin gab.

    Dazwischen ist nichts Schlimmes passiert. Accenture hat nur die Rechnung gesehen. Und auf der Rechnung steht der Einsatz, nicht der Ertrag.

    Das ist diese Woche dreimal dasselbe Muster. Accenture zählt Token, die Wirtschaftsministerin zählt Stunden, und die KI-Investoren zählen Gigawatt. Alle drei rechnen mit dem Einsatz, weil der sich zählen lässt, und keiner mit dem Ertrag, weil den keiner gemessen hat. Zahlen tut, wer den Ertrag liefern soll: der Berater mit dem Projektcode, der Angestellte mit der Mehrstunde, der Anleger mit dem Rechenzentrum.

    a consultant in a suit feeding a thick stack of banknotes into a server rack through a coin slot, while a tiny receipt printed with the number 29 curls out of the other side, bold screen print linocut style

    Accenture hat zehn Monate lang nur die Rechnung gemessen

    Am 9. Dezember 2025 haben Accenture und Anthropic ihre Partnerschaft ausgebaut: 30.000 Accenture-Leute werden auf Claude geschult, Claude Code geht an „tens of thousands“ Entwickler, und Dario Amodei nennt das „our largest ever deployment“ (Business Wire).

    Am 15. Oktober berichtet 404 Media über ein internes Memo mit dem Titel „Claude Enterprise Users: Important Updates to Licensing and Usage Costs“. Seit dem 1. Oktober finanziert Accenture zentral noch 29 Dollar im Monat je Mitarbeiter. Alles darüber braucht einen Projekt- oder Teamhaushalt, in Accenture-Sprache eine WBS, und Lizenzen können nach Rolle und Nutzungsmuster neu verteilt werden. Einzelne Mitarbeiter hatten vorher 500 bis 1.000 Dollar im Monat verbraucht (HRKatha nach 404 Media).

    Accenture sagt dazu, man stelle KI-Werkzeuge bereit, die zu den jeweiligen Aufgaben passen, und investiere weiter.

    Wer verbraucht hat, stand schon im Juni fest. In einer internen Besprechung, deren Mitschnitt 404 Media vorlag, sagte Accentures Strategiechef für agentische KI, Justice Kwak: „it's actually not our engineers that are driving the token consumption.“ Es waren die Nicht-Techniker, und als Beispiel für den Verbrauch nennt der Bericht PDFs, die in Folien verwandelt werden (404 Media).

    Am 1. Oktober, dem Tag, an dem der Deckel griff, hat Accenture sein Geschäftsjahr abgerechnet: 74,2 Milliarden Dollar Umsatz, 84,5 Milliarden neue Aufträge, rund 814.000 Mitarbeiter, 110.000 davon als KI- und Datenfachleute gezählt, und mehr als 400 Kunden, die im Jahr „advanced AI work“ begonnen haben (Accenture, Transkript). Im selben Gespräch: Die Preise seien im vierten Quartal in vielen Bereichen gesunken, der Wettbewerb sei intensiv.

    Meine Rechnung: 74,2 Milliarden Dollar durch 814.000 Köpfe sind rund 91.000 Dollar Umsatz je Mitarbeiter im Jahr, also etwa 7.600 im Monat. Die 29 Dollar sind davon 0,4 Prozent. Ein einzelnes Claude-Max-Abo für Privatleute kostet 200 Dollar (TechCrunch).

    a minister at a lectern pushing the hands of a giant factory clock forward with both arms, while behind her exhausted assembly line workers slump over the belt beside an unchanged pile of finished parts, bold screen print linocut style

    Mehr Stunden machen Deutschland nicht produktiver

    Am Dienstag hat Friedrich Merz auf dem Arbeitgebertag gesagt: „Über acht Stunden zu arbeiten ist keine Ausbeutung“, und als Vorbild einen Betrieb in der Lausitz genannt, in dem drei Zwölf-Stunden-Schichten die Woche sind (Stuttgarter Zeitung). Am Freitag hat Katherina Reiche im ARD-Interview der Woche nachgelegt: Der Acht-Stunden-Tag stamme von 1918, die Wochenarbeitszeit müsse sich grundsätzlich erhöhen lassen, ohne mehr Arbeitsstunden werde es nicht gehen. Aus der Autoindustrie höre sie, eine 40-Stunden-Woche je Werk könne 20 Prozent Effizienzgewinn bringen (fuldainfo).

    Die Zahl, die in beiden Reden fehlt, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im März geliefert. 2025 wurden in Deutschland 61,26 Milliarden Stunden gearbeitet, 1.332 je Erwerbstätigen, bei einer Teilzeitquote von 39,9 Prozent. Dazu im Schnitt 11,6 bezahlte und 15,6 unbezahlte Überstunden je Arbeitnehmer. IAB-Forscher Enzo Weber: „Das Arbeitsvolumen stagniert seit Jahren – die Zeit der Rekorde ist vorbei“ (IAB).

    Die Rekorde gab es nämlich schon. Im zweiten Quartal 2024 lag das Arbeitsvolumen erstmals über dem Vor-Corona-Stand, „mitten im Wirtschaftsabschwung“, wie Weber damals sagte. Die Produktivität je Stunde fiel im selben Quartal um 0,4 Prozent (IAB). Fürs ganze Jahr 2024 meldet das Statistische Bundesamt minus 0,1 Prozent je Stunde bei einem Wirtschaftsrückgang von 0,2 Prozent (Destatis), im dritten Quartal 2025 plus 0,3 Prozent (Destatis). Deutschland hat mehr Stunden gearbeitet als je zuvor und je Stunde nichts dazugewonnen.

    Was mehr Stunden mit der einzelnen Stunde machen, ist seit über hundert Jahren gemessen. Der Stanford-Ökonom John Pencavel hat die Produktionsdaten britischer Munitionsarbeiterinnen aus dem Ersten Weltkrieg ausgewertet: Bis etwa 48 Wochenstunden steigt der Ausstoß proportional zur Zeit, darüber immer langsamer, und bei 70 Stunden kommt kaum mehr heraus als bei 56 (IZA).

    Meine Rechnung zur Ministerin: Von 35 auf 40 Stunden sind 14,3 Prozent mehr Zeit. 20 Prozent Effizienzgewinn hieße, jede einzelne Stunde würde dadurch, dass die Woche länger ist, 5 Prozent wertvoller. Pencavels Kurve zeigt in die andere Richtung, und die Statistik des eigenen Landes auch.

    Dazu kommt: 15,6 unbezahlte Überstunden je Arbeitnehmer, mal 42,5 Millionen Arbeitnehmer, sind 663 Millionen Stunden im Jahr. Die Mehrarbeit, die die Ministerin fordert, gibt es längst. Sie steht nur auf keiner Gehaltsabrechnung.

    three executives in suits passing one heavy money sack around a round table, each chalking a bigger number on the board behind him, while outside the window an office worker types on a small laptop, bold screen print linocut style

    Anthropic wächst langsamer, und die Rechenzentren merken es zuletzt

    Am Mittwoch hat Anthropic in San Francisco Investoren für den Börsengang empfangen. Teilnehmer berichten Reuters: Umsatz im ersten Quartal 4,7 Milliarden Dollar, im zweiten 11,6, im dritten 16,8 Milliarden, ein Plus von 45 Prozent zum Vorquartal, dazu „profitabel auf bereinigter Basis“. Angestrebt wird eine Bewertung über zwei Billionen Dollar, der Börsengang nach den US-Zwischenwahlen im November (Reuters).

    Meine Rechnung: Vom ersten zum zweiten Quartal waren es 147 Prozent, jetzt 45. Im zweiten Quartal kamen 6,9 Milliarden dazu, im dritten 5,2. Der Zuwachs ist um ein Viertel kleiner geworden, die Bewertung nicht. Eine Woche davor hatte OpenAI seinen Investoren rund 50 Milliarden Jahresumsatz genannt statt der 68, die vorher im Raum standen (CNBC).

    Auf der anderen Seite der Rechnung steht, was gebaut wird. Nvidia hat im September 2025 angekündigt, bis zu 100 Milliarden Dollar in OpenAI zu stecken, je Gigawatt installierter Nvidia-Systeme eine Tranche (Nvidia). Im Dezember sagte Finanzchefin Colette Kress: „We still haven't completed a definitive agreement“ (Fortune). Im Februar waren es dann 30 Milliarden, in einer Runde über 110 Milliarden, in der Amazon 50 beisteuert, zum Teil erst nach dem Börsengang (Bloomberg).

    OpenAI kauft bei Oracle Rechenleistung für 300 Milliarden über fünf Jahre (WSJ via Reuters), Oracle kauft bei Nvidia. Bain hat vorgerechnet, dass die Branche bis 2030 zwei Billionen Dollar Jahresumsatz braucht, um diese Rechenleistung zu bezahlen, und dass nach heutigem Stand 800 Milliarden davon fehlen (Bain).

    Und dann war da noch Microsoft. Am 7. Oktober hat der Konzern das Surface Laptop Ultra vorgestellt, mit Nvidia-Chip, 128 Gigabyte Speicher und, laut Hersteller, Modellen mit mehr als 120 Milliarden Parametern, die lokal auf dem Gerät laufen. Ab 2.599,99 Dollar, im Handel seit Freitag (Microsoft). Die Begründung liefert Windows-Chef Pavan Davuluri selbst: „customers' needs are outpacing what their cloud budgets can support“ (Microsoft). Acht Hersteller bringen solche Geräte (Nvidia).

    Für deinen Montag: Wenn bei euch jemand mehr Lizenzen, mehr Stunden oder mehr Budget fordert, stell eine Frage. Was misst du danach, das du heute nicht messen kannst? Kommt keine Antwort, hast du den Einsatz bewilligt, nicht den Ertrag.

    an architect in a suit rolling one long blueprint out across a plain desk, while behind him a crowd of salesmen holds up identical boxed software licenses toward an empty chair, bold screen print linocut style

    In eigener Sache: Das AI Native Playbook.

    Accentures Problem steht in Kapitel 1: Die Lizenzzahl auf der Vorstandsfolie misst den Einkauf. Ob sich die Firma verändert hat, misst sie nicht. Wer KI im Ergebnis sehen will, braucht nicht das teurere Modell und nicht mehr Token, sondern eine Firma, in der ein Agent einen ganzen Prozess übernehmen kann. Wie man die baut, steht im Playbook.

    Diese Woche im Playbook: Kapitel 1 · Die Lizenzen sind verteilt. Die Firma ist dieselbe. Die Trennlinie zwischen AI enabled und AI native an sieben Merkmalen, dazu der Test, den keine Lizenzzahl besteht: Kann ein neuer Agent den wichtigsten Prozess der Firma ausführen?

    Am Mittwoch kommt Kapitel 2: Die Reihenfolge ist die Strategie. Vier Schichten, die aufeinander aufbauen, und warum gescheiterte KI-Vorhaben fast immer oben anfangen. Kapitel 10, der Bullshit-Detektor, ist frei: acht Sätze, die in KI-Projekten fallen, kurz bevor sie kippen.

    19 € im Monat oder 150 € im Jahr, mit allen zehn Kapiteln bis zum 9. Dezember und den Quellen-Dossiers zu den Reels. Im Aufsichtsrat für 300 € im Jahr liegt die ganze Serie sofort als PDF bei dir, ohne auf Mittwoch zu warten.

    Jetzt das Playbook abonnieren →

    Und wenn bei euch gerade jemand den Einsatz bewilligt hat und den Ertrag sucht: Genau diese Rechnung mache ich als Sparring für Vorstand und Geschäftsführung und auf der Bühne, Themen und Formate auf stephanbaier.de/keynotes.

    Der Newsletter bleibt frei. Jeden Sonntag, wie bisher.

    Bis nächste Woche.

    — Stephan


    P.S. Du folgst mir noch nicht? Instagram · TikTok · LinkedIn

    Diese Woche im PlaybookDie AI Native Company · Kapitel 1 · im Abo

    Die Lizenzen sind verteilt. Die Firma ist dieselbe.

    Die Lizenzzahl auf der Vorstandsfolie misst den Einkauf. Ob sich die Firma verändert hat, misst sie nicht.

    Zum Kapitel →Was im Abo steckt →

    Der Newsletter bleibt frei. Das Playbook ist mein Abo dazu.

    Wenn dir die Ausgabe gefallen hat: Weitergeben kostet nichts und hilft mir, mehr Leute zu erreichen.

    NEWSLETTER

    Business ohne Bullshit — jeden Sonntag.

    Jede Woche eine Analyse zu den Kräften, die Wirtschaft und Politik gerade umbauen. Mit Zahlen, mit Quellen und mit dem Teil, den die Pressemitteilung weglässt.

    Über 2.000 Abonnenten. Jeden Sonntag.

    Double-Opt-in, Abmeldung mit einem Klick. Details in der Datenschutzerklärung.