Abbau ohne Kündigung.
VW, Mercedes, BMW: Abbau ohne Kündigung.

Am Dienstag hat Mercedes die Homeoffice-Regel seiner Büroleute gekündigt. Am Mittwoch hat Volkswagen zehn Tarifverträge gekündigt, und BMW hat angekündigt, ein Fünftel seiner Management-Funktionen zu streichen. Gekündigt wurde bei den drei großen deutschen Autobauern diese Woche fast alles. Nur kein Mensch.
Das hat einen Grund. VW darf bis Ende 2030 niemandem betriebsbedingt kündigen (dpa), Mercedes bis Ende 2034 (Gesamtbetriebsrat Mercedes-Benz), und BMW verzichtet für seinen Abbau ausdrücklich darauf (Euronews).
Eine Beschäftigungssicherung schützt den Arbeitsplatz. Was an diesem Arbeitsplatz gilt, schützt sie nicht: die Stunden, der Ort, die Zulagen und der Grund, den der Vorstand für den Abbau nennt.
Weil sie nicht kündigen dürfen, ändern VW, Mercedes und BMW gerade alles, was um den Arbeitsplatz herum steht. Zahlen tun die, die bleiben.

VW kündigt die Verträge, nicht die Menschen
Volkswagen hat zum 31. Dezember zehn Tarifverträge gekündigt, darunter den Manteltarifvertrag. Darin stehen Arbeitszeit, Urlaub, Zulagen, Schutzrechte für Ältere und die Übernahme der Azubis, für rund 130.000 Beschäftigte der Volkswagen AG (dpa). In der Pressemitteilung steht dazu ein Satz, der mehr erklärt als alle anderen: Der Zukunftstarifvertrag mit der Beschäftigungssicherung sei „von der Kündigung ausdrücklich nicht betroffen“ (Volkswagen AG).
Parallel hat VW die Revisionsklausel des Zukunftstarifvertrags gezogen. Sie ist vorgesehen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seit der Einigung wesentlich verändern (electrive). Laut Personalvorstand Arne Meiswinkel haben sie sich „in den vergangenen 18 Monaten gravierend verschärft“. Die IG Metall geht mit fünf Prozent Lohnforderung in die Runde, Bezirksleiter Thorsten Gröger nennt die Kündigungen eine „klare Kampfansage an die Belegschaft“ (dpa).
Man muss die Liste nur einmal umdrehen. Gekündigt ist fast alles, was einen VW-Arbeitsplatz teuer macht. Stehen bleibt genau der Vertrag, der dem Konzern verbietet, diesen Arbeitsplatz zu streichen.
Am 1. Januar ändert sich für die Belegschaft trotzdem erst einmal nichts. Gekündigte Tarifnormen gelten nach § 4 Absatz 5 Tarifvertragsgesetz weiter, „bis sie durch eine andere Abmachung ersetzt werden“. Zwei Dinge ändern sich doch. Die Friedenspflicht endet, ab Januar darf die IG Metall streiken. Und wer ab Januar neu bei VW anfängt, fällt nicht unter diese Nachwirkung. Das Bundesarbeitsgericht begrenzt sie auf Arbeitsverhältnisse, für die der Tarifvertrag schon galt.
Ab Januar gibt es bei VW also zwei Belegschaften im selben Werk. Die einen behalten ihre alten Regeln, bis neue verhandelt sind. Die anderen bekommen, was VW ihnen anbietet. Leiser lässt sich eine Kostenbasis kaum senken: Den Bestand fasst man nicht an, und jeder neue Vertrag wird billiger.

Mercedes macht das Bleiben teurer und zahlt fürs Gehen
Am Dienstag hat Mercedes die Konzernbetriebsvereinbarung zum mobilen Arbeiten gekündigt. Ab Januar 2027 sollen Führungskräfte für Vollzeitkräfte bis zu vier Bürotage pro Woche festlegen dürfen, „ohne Begründung“ (Stuttgarter Zeitung). Am Mittwoch hat der Konzern sein Abfindungsprogramm neu aufgelegt. Es startet im Dezember und gilt für die indirekten Bereiche, also für Verwaltung und Büros, nach dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit (Handelsblatt).
Die Beschäftigungssicherung bis Ende 2034 hat die Belegschaft übrigens schon einmal bezahlt. Bei der Verlängerung im März 2025 wurden Tariferhöhungen nur zur Hälfte angerechnet, und die Ergebnisbeteiligung sollte 2026 „letztmalig“ ausgezahlt werden, für rund 91.000 Beschäftigte (Börsen-Zeitung). Jetzt kommt die zweite Rechnung.
Was in keiner der beiden Meldungen steht, zeigt der Kalender. Beide Maßnahmen treffen dieselbe Gruppe, die Leute in den Büros. Und das Abfindungsfenster öffnet einen Monat, bevor die Präsenzpflicht greift. Wer im Dezember durchrechnet, ob sich der Pendelweg an vier Tagen pro Woche noch lohnt, hat das Angebot schon auf dem Tisch.
Für die Werke gibt es keinen Scheck, dafür eine Forderung. Mercedes will die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden erhöhen, ohne Lohnausgleich (Personalwirtschaft). Produktionsvorstand Michael Schiebe hat die Schließung von zwei deutschen Werken ins Spiel gebracht, falls die Arbeitskosten nicht sinken (Handelsblatt). Fünf Stunden mehr für dasselbe Geld heißt nachgerechnet: Die Arbeitsstunde wird 12,5 Prozent billiger, denn 35 geteilt durch 40 ist 0,875.

BMW gibt demselben Abbau einen neuen Grund
Ende Juli wurde bekannt, dass BMW bis Ende 2027 rund 8.000 Stellen abbauen will, über ein freiwilliges Abfindungsprogramm und ohne betriebsbedingte Kündigungen, vor allem in Verwaltung und Entwicklung (Euronews). Als Gründe nannten die Berichte damals das schwache China-Geschäft, den Strukturwandel und die chinesischen E-Autos in Europa. Im ersten Quartal war der Umsatz um 8,1 Prozent gesunken, der Gewinn um 23 Prozent. Künstliche Intelligenz kam nicht vor.
Am Mittwoch, auf dem Capital Market Day, kam sie vor. BMW werde „die Anzahl ihrer Bereiche und zugeordneten Management-Funktionen um 20 Prozent reduzieren“, dazu komme „ein freiwilliges Abfindungsprogramm“. Finanzvorstand Walter Mertl: „Konsequent eingesetzte agentische AI-Applikationen in allen Unternehmensbereichen werden zum Gamechanger“ (BMW Group). Die Schlagzeilen machten daraus: BMW streicht mit KI jede fünfte Führungsstelle.
In derselben Pressemitteilung steht ein Satz, den ich in keiner Schlagzeile gefunden habe: Der Schnitt wirke sich „im vergleichbaren Umfang auf die darunter liegenden Ebenen aus“. Es geht also nicht nur um oben. Was ich in der Mitteilung dagegen nicht finde, ist eine Zahl, die den Abbau mit der KI verbindet: wie viele Stellen die Software übernimmt und wie viele der Absatz in China kostet.
Für deinen Montag: Wenn dein Arbeitgeber eine Beschäftigungssicherung hat, frag nicht, ob dein Job sicher ist. Frag, was an deinem Job sicher ist: die Stunden, der Ort, die Zulagen und der Grund, mit dem man ihn dir erklärt.
In eigener Sache: Beratung und Keynotes.
Genau diese Rechnung mache ich beruflich. Strategie- und KI-Sparring für Vorstand, Geschäftsführung und Aufsichtsrat. Keine Folienschlacht, keine Folgeauftrag-Logik, eine zweite Meinung, die nicht auf der Payroll des CEO steht.
Und ich stehe wieder auf Bühnen. Wer für sein Event, seinen Kongress oder die nächste Führungskräftetagung eine Keynote über KI, Macht und Geld sucht, meldet sich einfach. Themen und Formate stehen auf stephanbaier.de/keynotes.
Ich antworte persönlich, in der Regel innerhalb von 48 Stunden.
Bis nächste Woche.
— Stephan
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