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Rekord auf dem Papier.
Verbucht. Wegrationalisiert. Umgebucht.
· 7 Min Lesezeit
Am Freitag hat der DAX ein Allzeithoch markiert. Am selben Tag hat EY vorgerechnet, was die vierzig Konzerne dahinter im zweiten Quartal tatsächlich gemacht haben: den höchsten Quartalsgewinn, den sie je ausgewiesen haben. Mit 41.000 Menschen weniger.
Drei Zahlen ziehen sich durch diese Woche. 52,6 Milliarden. 43 Prozent. 13,2 Milliarden. Eine Bilanzanalyse, eine CEO-Umfrage, ein Kassenbericht des Bundes. Jede davon ist echt und sauber gebucht. Und hinter jeder steht etwas anderes, als vorne draufsteht.

Zwei Rekorde an einem Freitag. Und 41.000 Leute weniger.
Die Zahlen zuerst. Das operative Ergebnis der DAX-Konzerne lag im zweiten Quartal bei 52,6 Milliarden Euro, ein Plus von 16 Prozent und rund zehn Prozent über dem bisherigen Bestwert aus dem Sommer 2024. Der Umsatz kletterte um 4,6 Prozent auf 463 Milliarden Euro, ebenfalls Rekord. Und die Zahl der Beschäftigten sank zum 30. Juni auf 3,49 Millionen, 41.000 weniger als ein Jahr zuvor (EY).
Von diesen 41.000 Stellen entfallen rund 40.000 auf die Autoindustrie. Die läuft als einzige Branche gegen den Trend: Umsatz minus 1,2 Prozent, Gewinn minus 12 Prozent, jede zwanzigste Stelle weg. Bei BMW sackte der Quartalsgewinn um rund 35 Prozent ab, im Autogeschäft brach das operative Ergebnis um über 60 Prozent auf 629 Millionen ein, und ab Oktober läuft ein Abfindungsprogramm für rund 8.000 Stellen bis Ende 2027 (heise).
Der Rest des Index verdient prächtig. Telekom 6,9 Milliarden operativ, Allianz 4,9, Volkswagen 3,5, Siemens 3,4.
Es wird also nicht überall abgebaut, weil es schlecht läuft. Es wird an einer Stelle abgebaut, weil es dort wirklich schlecht läuft. Und überall sonst, weil es geht.
Und jetzt der Teil, der in keiner Schlagzeile steht. Der DAX stand am Freitag bei rund 26.460 Punkten. Der DAX-Kursindex, also derselbe Index ohne Dividenden, stand am selben Tag bei 9.650,76 Punkten (Börse.de). Beide sind Ende 1987 mit 1.000 Punkten gestartet, beide enthalten exakt dieselben Firmen. Der Unterschied zwischen 26.460 und 9.650 ist ausgeschüttetes Geld.
Der DAX ist unter den großen Leitindizes die Ausnahme. S&P 500, Dow Jones, FTSE 100, CAC 40 stehen als Kursindex in der Zeitung. Nur bei uns wird die Variante zitiert, in der jede Dividende rechnerisch wieder angelegt wird. Deshalb sieht der deutsche Aktienmarkt in der Tagesschau immer ein Stück besser aus als in der Realität. Nach sieben Monaten dieses Jahres lag der DAX mit Dividenden bei plus 4,7 Prozent, ohne bei plus 2 Prozent. Der EURO STOXX 50 und der STOXX Europe 600 legten im selben Zeitraum fast 10 Prozent zu (dpa).

Die Leiter hat keine unterste Sprosse mehr.
Oben verschwindet gerade eine ganze Ebene. Volkswagen streicht bis 2030 jede vierte Managementstelle, von rund 21.500 auf 16.000 (Börse Express). Das steht wenigstens in der Zeitung. Was unten passiert, steht nirgends.
Das Oliver Wyman Forum hat zusammen mit der New Yorker Börse 415 CEOs befragt, 266 aus börsennotierten und 149 aus privaten Unternehmen, Erhebung von Januar bis März dieses Jahres. Ergebnis: 43 Prozent wollen Junior-Stellen zurückfahren. Im Jahr davor waren es 17 Prozent. Ein Drittel verschiebt die Belegschaft gezielt in Richtung mittlerer Erfahrungsstufen (Oliver Wyman Forum).
Eine Zahl in der Studie steht quer zu allem, was die Branche gerade erzählt. Man würde ja vermuten, dass vor allem die Firmen den Nachwuchs streichen, die viel von KI reden und wenig können. Es ist genau umgekehrt. Bei den Unternehmen, die mit KI messbar Geld verdienen, bauen 50 Prozent Junior-Rollen ab. Bei den Nachzüglern sind es 17 Prozent.
Das räumt eine bequeme Ausrede weg. Der Nachwuchsstopp ist keine Panikreaktion von Firmen, die die Technik nicht verstehen. Er ist eine Entscheidung von denen, die sie verstehen.
In Deutschland steht die Rechnung dazu schon in der Statistik. Die Zahl der arbeitslosen Akademiker unter 30 hat sich zwischen 2022 und 2025 mehr als verdoppelt, die Quote lag Anfang 2026 bei rund 5,6 Prozent. Die DZ Bank führt das vor allem darauf zurück, dass KI genau die Tätigkeiten übernimmt, mit denen man früher angefangen hat: recherchieren, Texte schreiben, Code schreiben (DZ Bank).
Eine Etage tiefer, bei denen ohne Studium, sieht es keinen Deut besser aus. Am 1. August hat das neue Ausbildungsjahr begonnen. Seit Oktober haben sich bei Agenturen und Jobcentern 418.000 Bewerber gemeldet, dem stehen 437.000 gemeldete Ausbildungsstellen gegenüber (Bundesagentur für Arbeit). Auf dem Papier ist also mehr da, als gebraucht wird. In der Praxis konnte laut einer DIHK-Umfrage unter rund 14.000 Betrieben jeder zweite im vergangenen Jahr nicht alle Ausbildungsplätze besetzen, und 29 Prozent bieten inzwischen weniger Plätze an als im Jahr davor (DIHK).

500 Milliarden angekündigt. 24 ausgegeben.
Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität ist das größte Versprechen, das dieses Land sich in den letzten Jahrzehnten selbst gegeben hat: 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre, für Brücken, Schienen, Netze, Schulen.
Das erste Jahr ist abgerechnet. Vorgesehen waren für 2025 37,2 Milliarden Euro. Tatsächlich ausgegeben wurden 24,0 Milliarden (Bundesfinanzministerium). 13,2 Milliarden sind nicht abgeflossen. Nicht gestrichen, nicht gekürzt, nur nicht ausgegeben, weil Planung, Genehmigung und Ausschreibung länger dauern als die Pressekonferenz. Den ersten Bericht dazu hat das Ministerium Anfang Juni im Haushaltsausschuss abgeliefert.
Unangenehmer wird es bei der Frage, wie viel von dem Geld überhaupt obendrauf kommt. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat das durchgerechnet. Von 271 Milliarden Euro zusätzlichen Krediten zwischen 2025 und 2029 werden nach dieser Rechnung 133 Milliarden nicht zusätzlich investiert, sondern finanzieren Ausgaben, die ohnehin geplant waren. Das sind 49 Prozent. Der Autor nennt das im Bericht ein „Etikettenschwindel" und listet die Verschiebungen einzeln auf, von der Krankenhausfinanzierung bis zum Breitbandausbau (IW-Kurzbericht 92/2025). Der Bundesrechnungshof hat dem Haushaltsausschuss dazu einen eigenen Bericht geschrieben. Der Kernsatz daraus: Die Bundesregierung hat nie festgelegt, wie viel zusätzliches Wachstum das Sondervermögen eigentlich bringen soll, und kann deshalb gar nicht feststellen, ob es funktioniert (Bundesrechnungshof).
Was davon unten ankommt, sieht man bei der Bahn. Halbjahresbilanz Ende Juli: 147 Millionen Euro Gewinn im Kerngeschäft, der erste seit sieben Jahren, die Investitionen deutlich hochgefahren. Gleichzeitig waren im ersten Halbjahr 58,7 Prozent der Fernzüge pünktlich, das Jahresziel lag bei mindestens 60 (Verkehrsrundschau). Bahnchefin Evelyn Palla sagt selbst, es werde noch zehn Jahre dauern, bis der Verkehr wieder verlässlich läuft (ZDF).
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Bis nächsten Sonntag. Peace.
— Stephan
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