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Worauf noch Verlass ist.

Über Nacht gestrichen. Verschoben. Geschwärzt.

· 9 Min Lesezeit
Worauf noch Verlass ist.

Diese Ausgabe kommt einen Tag zu spät, und ich sag dir auch ehrlich, warum. Ich stand gestern selbst den halben Tag auf dem Tennisplatz, und abends lief dann das Wimbledon-Finale, Sinner gegen Zverev. Der erste deutsche Wimbledon-Finalist seit Boris Becker 1995, die ersten beiden Sätze jeweils im Tiebreak. Da bleibst du sitzen. Der Sonntag war für den BoBletter also verloren.

Dafür passt das Timing thematisch fast zu gut. Denn worum es heute geht, ist genau das: worauf man sich eigentlich noch verlassen kann. Drei Geschichten, in denen jemand das Vertrauen verspielt, von dem er lebt. Ein Land, ein Konzern, eine Regierung.

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Über Nacht ist die Förderung weg.

Am 8. Juli hat das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche eine Reform der Gebäudeförderung verkündet, und quasi über Nacht wurden bei KfW und BAFA keine neuen Anträge mehr angenommen (BMWE). Am Abend der Ausschuss-Beschluss, in derselben Nacht die Portale abgeschaltet, am nächsten Morgen gab es die alten Konditionen nicht mehr. Ab dem 21. Juli gilt weniger Geld: Die Höchstsumme sinkt, der Klimabonus fällt von 20 auf 16 Prozent. Bastian Gierull, Deutschland-Chef von Octopus Energy, nennt es eine »Nacht-und-Nebel-Aktion« und ein »fatales Signal für die Verbraucher« (pv magazine).

Und jetzt schau dir an, was diese Stop-and-Go-Politik mit einem Markt macht. 2023 wurden 356.000 Wärmepumpen verkauft, ein Rekord. Dann kam das Chaos ums Heizungsgesetz, und 2024 brach der Absatz um 46 Prozent ein, auf 193.000. 2025 hatte sich der Markt gerade wieder gefangen, plus 55 Prozent auf 299.000 (BWP). Kaum erholt, kommt der nächste Schlag. Man muss kein Klimaaktivist sein, um zu sehen, dass so kein Hochlauf funktioniert. Ein Handwerker kann keine Angebote rechnen, die morgen nicht mehr gelten. Ein Hersteller baut kein Werk für eine Nachfrage, die von Quartal zu Quartal auf und ab springt.

Das Beste kommt zum Schluss. Dieselbe Branche fordert das nämlich nicht zum ersten Mal. 2010, als unter Schwarz-Gelb die Förderung schon einmal abrupt gestoppt wurde, forderte die Branche dasselbe wie heute: Förderbedingungen, auf die man sich verlassen kann (BWP-Archiv). Seit sechzehn Jahren bettelt eine ganze Industrie um denselben Punkt. Nicht um mehr Geld. Um Berechenbarkeit.

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Das teuerste Startup der Welt wankt.

OpenAI ist auf dem Papier rund 850 Milliarden Dollar wert und will an die Börse. Zuerst die Zahlen, denn die sind der Kern. 2025 machte die Firma 13 Milliarden Umsatz. Dem stehen Kosten von rund 34 Milliarden gegenüber, macht einen operativen Verlust von etwa 21 Milliarden (Fortune). Für jeden eingenommenen Dollar gibt OpenAI also mehr als zwei aus. Das ist kein Startup mehr, das ist ein Fass ohne Boden mit Weltklasse-Marketing.

Der Börsengang sollte bei einer Bewertung von einer Billion Dollar kommen. Jetzt neigt OpenAI laut New York Times dazu, ihn auf 2027 zu verschieben, nachdem die SpaceX-Aktie nach ihrem Börsengang im Juni um 32 Prozent absackte und die Stimmung drehte (Forbes). Und die Risse werden konkret: Im Mai bekam OpenAI eine Finanzierungstranche über 18 Milliarden für seine Chip-Deals nicht zusammen, die Kreditgeber werden vorsichtig (Yahoo Finance). Gleichzeitig hat die Firma Compute-Zusagen über rund 1,4 Billionen Dollar unterschrieben, die sie aus eigenem Geld niemals decken kann. OpenAI lebt davon, dass ständig frisches Kapital nachfließt. In dem Moment, in dem das stockt, wird es eng.

Und als wäre das nicht genug, kommt eine zweite Front dazu, und die liest sich wie ein Spionage-Thriller. Am 10. Juli hat Apple OpenAI verklagt, wegen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen für dessen geplantes KI-Hardware-Gerät (TechCrunch). Laut Klageschrift hat OpenAI gezielt Apple-Leute abgeworben, über 400 arbeiten inzwischen dort. Ein Ex-Apple-Manager, jahrelang fürs iPhone-Design zuständig und heute OpenAIs Hardware-Chef, soll Bewerber gebeten haben, vertrauliche Apple-Bauteile ins Vorstellungsgespräch mitzubringen. Ein Ingenieur soll seinen Apple-Laptop nach der Kündigung nicht zurückgegeben und Dutzende geheime Dateien heruntergeladen haben. Apple nennt OpenAIs Hardware-Geschäft in der Klage »rotten to its core«, faul bis ins Mark (Fortune). Das alles sind Apples Vorwürfe, gerichtlich ungeklärt, und OpenAI weist sie zurück. Aber das Bild, das entsteht, ist verheerend.

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Und die Regierung macht das Licht aus.

Während die einen das Geld verbrennen, nehmen die anderen dir das Werkzeug, um überhaupt Fragen zu stellen. Der Koalitionsausschuss von Union und SPD hat am 2. Juli beschlossen, das Informationsfreiheitsgesetz auszuhöhlen. Noch ist das kein Gesetz, der Entwurf kommt später, aber der Beschluss steht (FragDenStaat). Bisher darf jeder ohne Begründung Dokumente einer Behörde anfordern, ein echtes Jedermannsrecht. Künftig soll das nur noch bei »berechtigtem Interesse« gehen. Ausgeschlossen werden sollen ausgerechnet NGOs, Journalisten und Menschen ohne EU-Pass. Der Gebührendeckel von 500 Euro fällt, eine Anfrage könnte dann mehrere Tausend Euro kosten. Und die Namen der verantwortlichen Beamten werden geschwärzt. FragDenStaat nennt es den »schwersten Angriff auf staatliche Transparenz in der Geschichte der Bundesrepublik«, 122 Organisationen haben dagegen einen offenen Brief unterschrieben (netzpolitik.org).

Warum das mehr ist als Bürokratie-Kleinkram? Weil genau über dieses Gesetz die großen Skandale rauskamen. Die Maskenaffäre: FragDenStaat musste den geschwärzten Sudhof-Bericht erst freiklagen, der dann zeigte, dass Jens Spahn gegen den Rat seiner eigenen Fachabteilungen einkaufte. 517 Millionen bestätigter Schaden, ein Risiko von 2,3 Milliarden laut Bundesrechnungshof (FragDenStaat). Die PKW-Maut: Dass Andreas Scheuers Geheimverträge öffentlich wurden, verdankt sich einer einzigen IFG-Anfrage. Am Ende kostete die gekippte Maut den Bund 243 Millionen Schadensersatz für eine Straße, die nie gebaut wurde (taz). Ohne Informationsfreiheitsgesetz wüsstest du von beidem bis heute nichts.

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BoB liest du sonntags, meistens jedenfalls, und hörst du mittwochs. BoB buchst du, wenn bei euch Entscheidungen über Nacht gekippt werden und keiner mehr weiß, worauf noch Verlass ist. Oder wenn im Vorstand jemand Transparenz für ein Risiko hält statt für den Normalzustand. Keynote, Sparring, KI-Strategie-Sprint. Alles drei mit Zahlen statt Buzzwords.

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Bis nächsten Sonntag. Peace.

— Stephan


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