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Wem gehört der Wert?

Gescrapt. Abgehängt. Verschenkt.

· 9 Min Lesezeit
Wem gehört der Wert?

Heute drei Geschichten mit derselben Frage darunter. Wem gehört eigentlich, was viele gemeinsam geschaffen haben? Die Musik von Millionen Künstlern. Ein Jahrhundert Ingenieurskunst. Die Daten des halben Internets. Jedes Mal entsteht der Wert bei allen, und am Ende sitzt er bei wenigen. Fangen wir bei einer Firma an, die genau das gerade unfreiwillig offengelegt hat.

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Alle haben es gebaut. Einer kassiert.

Im November wurde Suno gehackt, der Marktführer für KI-generierte Musik. Was die Angreifer im geleakten Quellcode fanden, ist genau das, was die Firma vor Gericht mit aller Macht geheim halten wollte: die Einkaufsliste des Modells. Allein 2.013.545 Musikclips von YouTube Music, dazu Zehntausende Stunden von Deezer, Genius, Pond5 und Jamendo (404 Media). Der Scraper suchte gezielt nach A-cappella-Spuren, um die Stimmen sauber rauszuziehen, und lief über kommerzielle Proxy-Dienste, damit niemand merkt, wer da gerade das Musikarchiv der Welt absaugt.

Und jetzt der Teil, der es so schön macht. Diese Zahlen wollte Suno nie zeigen. Im Copyright-Prozess der großen Labels weigerte sich die Firma, ihre Trainingsdaten offenzulegen. Der eigene Technikchef erklärte an Eides statt, die Menge sei ein Geschäftsgeheimnis und eine Offenlegung würde »significant competitive harm« anrichten, und beantragte, die Zahl unter Verschluss zu halten (Music Business Worldwide). Ein Hack hat in einer Nacht erledigt, was ein Gericht nie durchsetzen durfte.

Der Rest ist Arithmetik. Die Musik stammt von Millionen Künstlern, die nie gefragt wurden. Der Wert landet bei einer Firma, die im Juni frisches Geld zu einer Bewertung von 5,4 Milliarden Dollar eingesammelt hat, in einem Jahr mehr als verdoppelt (Variety). Universal und Sony klagen, koordiniert von der RIAA, und haben im Mai beantragt, 61.026 konkrete Werke nachzureichen (Music Business Worldwide). In München wird im GEMA-Verfahren gegen Suno noch diesen Monat ein Urteil erwartet, vor demselben Gericht, das im November bereits gegen OpenAI entschieden hat (Music Business Worldwide). »Atemlos« und »Mambo No. 5« gegen ein Startup aus dem Silicon Valley. Willkommen 2026.

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Wir haben das Auto erfunden. China baut es jetzt.

Eine Zahl aus dem Mai, die man sich hinter die Ohren schreiben sollte. In der Rangliste der weltweit meistverkauften Elektroautos steht kein einziges Modell einer deutschen Marke in den Top 20. Kein VW, kein Mercedes, kein BMW, kein Audi, kein Porsche (CleanTechnica). Die Liste ist fast durchgehend chinesisch, dazu Tesla. Und jetzt die Pointe, die wehtut: Das meistverkaufte E-Auto der Welt, das Tesla Model Y mit 93.571 Stück im Mai, wird für den europäischen Markt in Grünheide bei Berlin gebaut. Deutschland baut also das erfolgreichste E-Auto des Planeten. Nur verdient eine US-Firma daran, keine deutsche.

Warum das kein Ausrutscher ist, sondern Struktur, sieht man an der Batterie. Sie ist das teuerste und wichtigste Teil, und hier ist das Rennen längst gelaufen. CATL hält 40,2 Prozent des Weltmarkts, BYD noch mal 14,4 Prozent, zusammen mehr als die Hälfte aller Zellen der Welt (CnEVPost). Sieben der zehn größten Zellhersteller sind chinesisch. In den Top 10 steht kein einziger europäischer Name. Northvolt, die große europäische Hoffnung, ist pleite. Wir bauen die Hülle. Die Substanz kommt aus China.

Und wer sehen will, wie das geht, schaut auf BYD. 2025 lag der Umsatz bei rund 116 Milliarden Dollar, mehr als bei Tesla (CnEVPost), dazu 2,25 Millionen reine Elektroautos und 4,55 Millionen Fahrzeuge insgesamt (Electrek). Das ist keine Firma, die ein schönes Auto baut. Das ist ein durchoptimiertes System vom Rohstoff bis zum Händler.

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Und dann macht China es gratis.

Am 16. Juli hat ein chinesisches Startup namens Moonshot AI sein neues Modell vorgestellt, Kimi K3. Die nackten Daten: 2,8 Billionen Parameter, das größte offene KI-Modell der Welt (Tom's Hardware). Und dann der Schlag, der im Silicon Valley für Schnappatmung sorgte. In einer angesehenen Rangliste für Programmieraufgaben, der Frontend Code Arena, sprang Kimi K3 auf Platz 1, vor Claude Fable 5, dem Spitzenmodell von Anthropic (Crypto Briefing).

Bleiben wir ehrlich, denn genau das macht die Geschichte stark. Über alle Aufgaben gemessen liegt Kimi noch hinter den US-Spitzenmodellen Fable 5 und GPT-5.6. Moonshot sagt das selbst. Aber im großen Intelligenz-Index von Artificial Analysis steht es auf Platz drei weltweit, auf Augenhöhe mit Claude Opus 4.8 und GPT-5.5, und ist damit gut genug für fast alles, wofür Firmen heute teuer bezahlen (Artificial Analysis). Und jetzt der Teil, der wehtut, und den man kurz erklären muss. KI wird in Tokens abgerechnet, also in Textbausteinen. Eine Million davon sind grob ein paar dicke Romane an Text, den das Modell liest oder schreibt. Für diese Million nimmt Kimi 3 Dollar für den Text, den du reinschickst, und 15 Dollar für den, den es zurückgibt. Anthropics Fable 5 verlangt für dieselbe Menge 10 und 50. Für exakt dieselbe Arbeit zahlst du bei den Amerikanern also mehr als das Dreifache. Und ab Ende des Monats kann sich jede Firma das chinesische Modell sogar kostenlos herunterladen, selbst betreiben und mit eigenen Daten weitertrainieren. Keine Lizenzgebühr, keine Rechnung, nichts.

Dahinter steht kein Bastlerverein. Moonshot ist rund 20 Milliarden Dollar wert, finanziert von Alibaba, Tencent und Meituan (TechCrunch). Und Kimi ist kein Ausreißer, sondern Teil einer Welle: DeepSeek, Qwen, GLM, lauter offene chinesische Spitzenmodelle. Anfang des Jahres kamen bereits 61 Prozent der meistgenutzten Modelle auf einer großen Entwicklerplattform aus China (Trending Topics).

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BoB liest du sonntags und hörst du mittwochs. BoB buchst du, wenn bei euch im Vorstand noch geglaubt wird, der Burggraben halte, weil er teuer war. Oder wenn die Frage im Raum steht, wem am Ende eigentlich der Wert gehört, den ihr gerade baut, und keiner sie ausspricht. Keynote, Sparring, KI-Strategie-Sprint. Alles drei mit Zahlen statt Buzzwords.

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Bis nächsten Sonntag. Peace.

— Stephan


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