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Wir leben von der Substanz.

Wer baut Substanz. Und wer nur Show.

· 9 Min Lesezeit
Wir leben von der Substanz.

Heute drei Geschichten und eine Frage, die sie zusammenhält: Wer baut Substanz, und wer verkauft nur Show? Die erste ist groß und deutsch. Eine Wirtschaftsweise sagt, wir würden von der Substanz leben, und sie hat recht. Nur verschweigt die Debatte den entscheidenden Teil, nämlich wohin die Substanz verschwindet. Die anderen beiden kommen aus dem Silicon Valley und zeigen exakt dasselbe Muster, nur in klein. Ein CEO, der sich für unfehlbar hält. Und ein Team, das einfach liefert.

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Wir leben von der Substanz. Aber wer kassiert sie?

Monika Schnitzer, Chefin der Wirtschaftsweisen, hat diese Woche im SPIEGEL einen Satz gesagt, der sitzt: »Vielen ist nicht bewusst, dass wir eigentlich von der Substanz leben.« Sie meint Brücken, Schienen, Schulen. Jahrzehnte auf Verschleiß gefahren, statt vorzusorgen (SPIEGEL). Stimmt. Nur erzählt der Satz die halbe Geschichte. Die Substanz verschwindet nicht einfach. Sie wird verteilt. Nach oben.

Zahl eins. Seit 2019 sind die CEO-Gehälter weltweit inflationsbereinigt um 54 Prozent gestiegen, von 5,5 auf 8,4 Millionen Dollar im Schnitt. Im selben Zeitraum haben die Beschäftigten 12 Prozent Reallohn verloren (Oxfam). Wer arbeitet, kann sich also weniger leisten als vor sechs Jahren. Wer die Firma führt, ein gutes Drittel mehr. In Deutschland ist es kein bisschen besser. 25 CEOs der DAX-40-Konzerne kassierten 56 Prozent mehr als 2019, im Schnitt fast 7 Millionen Euro. Ein Beschäftigter im weltweiten Mittel müsste für ein einziges dieser Jahresgehälter 490 Jahre arbeiten.

Zahl zwei, dieselbe Woche, dasselbe Land. Die Kommunen fahren 2025 ein Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro ein, das höchste seit der Wiedervereinigung. Ein Jahr zuvor waren es 24,8, jetzt 7 Milliarden mehr. Die Gesamtschulden der Kommunen liegen bei rund 200 Milliarden (Destatis, Bertelsmann). Wenn die Kommune kein Geld hat, ist das nicht abstrakt. Dann schließt das Schwimmbad, fällt der Bus aus, bröckelt die Schule.

Und an wen geht die Rechnung? Diese Woche hat die Rentenkommission ihre Vorschläge vorgelegt: Renteneintritt rauf, abschlagsfreie Rente mit 63 weg, perspektivisch Rente mit 67,5 ab 2042 und bis zu 70 für die Jüngsten (ZDF). Schnitzer legt im selben Gespräch nach: höhere Mehrwertsteuer, das Eigenheim soll für die Pflege haften. Klingt hart, aber gerecht? Dann schau, was sie selbst als überflüssigste Subvention nennt: die ermäßigte Gastro-Mehrwertsteuer, 3,4 Milliarden im Jahr, von der vor allem McDonald's und Burger King profitieren, nicht das Landgasthaus (SPIEGEL). Die steht halt nicht so weit oben auf der Streichliste wie deine Rente.

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Der teuerste Beweis für Selbstüberschätzung.

Was passiert, wenn sich ein CEO für unantastbar hält, kannst du diese Woche live an der Börse ablesen. Snap hat seine neue AR-Brille vorgestellt, die Specs. Preis: knapp 2.200 Dollar. Sie sieht aus wie eine Panzerknacker-Brille, und im Netz ist sie längst genau das: ein Meme. CEO Evan Spiegel hat den Preis bei CNBC trotzdem verteidigt, man solle die Specs »als Computer« sehen, »vergleichbar mit hochwertigen Laptops« (TechCrunch). Schöner Satz. Nur kauft niemand eine 2.200-Dollar-Brille, weil ein Manager findet, sie sei eigentlich ein Laptop. Snaps Kernpublikum sind Teenager. Die haben keine 2.200 Dollar.

Das Wahnsinnige ist nicht mal der Preis. Es ist, wie weit das Produkt an der eigenen Zielgruppe vorbei gebaut wurde. Über drei Milliarden Dollar hat Snap in mehr als zehn Jahren in seine AR-Brillen gesteckt (UploadVR). Drei Milliarden, und am Ende steht eine Brille zum Preis eines Gebrauchtwagens, die kein 19-Jähriger je trägt. Der Markt hat sofort geantwortet: Die Aktie fiel um über 5 Prozent, von 5,86 auf 4,83 Dollar an einem Vormittag. Im letzten Jahr steht sie 30 Prozent im Minus. Es wird sich zeigen, ob auch nur ein einziger der angepeilten Käufer existiert.

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Und so sieht das Gegenteil aus.

Gleiche Woche, andere Firma, anderes Universum. Midjourney, die KI-Bildmaschine, hat angekündigt, was als Nächstes kommt: ein Ganzkörperscanner. Du steigst in eine Art Becken und wirst langsam in Wasser abgesenkt, während ein Ring aus Ultraschall an dir entlangfährt. In 60 Sekunden liegt ein Scan vor, vergleichbar mit einem MRT, nur schneller und einfacher. Gebaut mit Butterfly Network, 40 Ultraschallmodule pro Gerät. Der Plan: solche Scanner in eigene Spas stellen, der erste 2027 in San Francisco. Das erklärte Ziel: bei genug Früherkennung ließen sich 30 Prozent aller Todesfälle und 50 Prozent der Gesundheitskosten vermeiden, 50.000 Scanner weltweit bis 2031 (heise).

Klingt größenwahnsinnig? Vielleicht. Aber schau, wer das sagt. Midjourney hat null Risikokapital genommen, keinen einzigen Dollar. Die Firma ist seit 2022 profitabel, damals 50 Millionen Umsatz mit 11 Mitarbeitern, 2025 rund 500 Millionen (Sacra). Kein Konzern, keine Geldverbrennung, eine Handvoll Leute. Während Snap mit Milliarden im Rücken eine Brille baut, die keiner will, geht ein kleines Team ohne fremdes Geld die Früherkennung von Krebs an.

Themen der Woche

Drei, die es nicht in die lange Analyse geschafft haben, aber dein Radar verdienen.

FAANG ist Geschichte, jetzt kommen MANGOS Entwickler auf X haben ein neues Kürzel für die Tech-Elite geprägt, und es geht gerade viral: MANGOS. Meta, Anthropic, Nvidia, Google, OpenAI, SpaceX (TechCrunch). FAANG, also Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google, klang nach Raubtier. MANGOS klingt nach Smoothie. Der Wechsel ist kein Wortspiel. Streaming und Onlinehandel sind nicht mehr die Story, KI und autonome Systeme sind es. Und das Geld weiß das: SpaceX hat gerade den größten Börsengang aller Zeiten hingelegt, OpenAI und Anthropic stehen 2026 mit Rekordbewertungen noch an. Behalt im Hinterkopf, was du oben gelesen hast: Manche bauen Substanz. Manche bauen Bewertung.

Spahn im Geheimzirkel Ein Datenleck hat diese Woche offengelegt, wer sich in Peter Thiels privatem Netzwerk »Dialog« trifft: rund 150 Leute aus Politik, Wirtschaft und Militär, seit 20 Jahren im Verborgenen, Themen von »Kernkraft zurückholen« bis »den Dritten Weltkrieg managen« (Correctiv). Mittendrin: Unionsfraktionschef Jens Spahn, nach eigenen Angaben fünfmal dabei, von Irland 2018 bis Deutschland 2024 (Handelsblatt). Das Problem ist nicht, dass sich Mächtige treffen. Mächtige treffen sich immer. Das Problem ist die Heimlichkeit. Wer als gewählter Politiker jahrelang in einen geschlossenen Milliardärs-Zirkel geht und es von sich aus niemandem sagt, liefert genau die Vorlage für die, die ohnehin glauben, die Demokratie werde im Hinterzimmer von dunklen Mächten gesteuert. Nicht die Verschwörung ist hier das Problem. Es ist die Steilvorlage dafür.

Die Straße von Hormuz, schon wieder Am Samstag hat das iranische Militär die Straße von Hormuz erneut gesperrt, als Reaktion auf israelische Angriffe im Südlibanon, die das mühsam ausgehandelte Rahmenabkommen mit den USA verletzen (ZDF). Es ist die wichtigste Ölader der Welt, und ihre Sperrung ist inzwischen eine Dauerschleife. Jedes Mal zuckt der Ölpreis, jedes Mal heißt es »erster Schritt«, jedes Mal geht es kurz darauf irgendwie weiter. Bis es das eine Mal nicht tut. Wer seine Lieferketten oder seine Energiekosten von dieser einen Meerenge abhängig gemacht hat, plant gerade auf Hoffnung. Und Hoffnung ist keine Strategie.

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BoB liest du sonntags und hörst du mittwochs. BoB buchst du, wenn in deinem Vorstand jemand „KI-Strategie" sagt und keiner im Raum unterscheiden kann, was Substanz ist und was nur teure Show für andere Leute. Keynote, Sparring, KI-Strategie-Sprint. Alles drei mit Zahlen statt Buzzwords.

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Bis nächste Woche. Peace.

— Stephan


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