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Oben der Fehler, unten die Rechnung.
Krankgeschrieben. Ausgegliedert. Abgeschrieben.
· 8 Min Lesezeit
Heute drei Geschichten nach demselben Muster. Oben wird ein Fehler gemacht oder eine bequeme Geschichte erzählt, und unten kommt die Rechnung an. Bei den Kranken, bei der Belegschaft, beim Steuerzahler. Fangen wir bei der Regierung an, die gerade mit großer Geste die Falschen bestraft.

Das Problem sind nicht die Kranken.
Der Koalitionsausschuss hat am 2. Juli beschlossen: Wer krank ist, braucht künftig ab dem ersten Tag ein Attest vom Arzt, und die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft (ZDF). Friedrich Merz begründet das mit »exorbitant gestiegenen Krankenständen« und einem Wettbewerbsnachteil, den man sich nicht mehr leisten könne. Klingt nach hartem Durchgreifen. Ist es auch. Nur gegen das falsche Ziel.
Denn die Diagnose stimmt schon nicht. Deutschland ist kein Weltmeister im Kranksein. Die oft zitierte Rekordzahl von fast 25 Fehltagen ist international überhaupt nicht vergleichbar. Wenn man die Daten europäisch harmonisiert, liegt Deutschland bei 6,8 Prozent verlorener Arbeitszeit, hinter Norwegen (10,7), Finnland (10,0) und Slowenien (9,2) (Ärzte Zeitung). Wir sind nicht Europameister im Kranksein. Wir sind Europameister im Zählen.
Das ist der Kern. Ein großer Teil des Anstiegs seit 2022 ist kein Anstieg der Krankheit, sondern der Erfassung. Seit der elektronischen Krankmeldung geht jeder Schein automatisch an die Kasse. Früher blieb der gelbe Zettel oft in der Schublade und tauchte in keiner Statistik auf. Das Statistische Bundesamt bestätigt den Effekt, die BKK sagt es noch klarer: »Der statistische Anstieg zeigt nicht mehr Krankheit an, sondern mehr Transparenz« (BKK). Fachleute schätzen den reinen Meldeeffekt je nach Erkrankung auf rund 60 Prozent des Anstiegs (TK). Nicht alles, das wäre unehrlich, es gibt auch echte Infektionswellen und eine alternde Belegschaft. Aber der größte Brocken ist Statistik, nicht Grippe. Und 2025 ist der Krankenstand sogar wieder leicht gesunken.
Jetzt kommt der beste Teil. Die telefonische Krankschreibung, die Merz abschafft, macht gerade mal 0,8 bis 1,2 Prozent aller Fälle aus (Zi). Das ist keine Missbrauchs-Schleuse, das ist eine Nachkommastelle. Dafür treibt die Attest-Pflicht ab Tag eins Millionen Menschen mit Schnupfen in die Wartezimmer. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet vor: rund 30 Millionen zusätzliche Arztbesuche, das sind 208.000 komplette Arzt-Arbeitstage im Jahr, nur fürs Ausfüllen von Zetteln (Ärzteblatt). Dieselbe KBV hatte kurz zuvor das Gegenteil vorgeschlagen: Attest erst ab Tag vier.

Die Krise als Werkzeug.
Nach außen klingt Volkswagen ruhig. Das erste Quartal 2026 verkauft der Konzern als »Fortschritt im herausfordernden Umfeld«, obwohl der Umsatz um 2,5 Prozent auf 75,7 Milliarden fiel und die operative Marge bei mageren 3,3 Prozent lag (VW). Die beruhigende Version.
Nach innen klingt es anders. Laut einem Bericht des Manager Magazins sollen in einer internen Umfrage sechs von neun Vorstandsmitgliedern die Existenz des Konzerns als gefährdet einschätzen, drei weitere die Lage als angespannt. Entwarnung gab niemand (auto-motor-und-sport). Genau derselbe Konzern, der nach außen »Fortschritt« sagt. Zwei Wahrheiten, ein Vorstand.
Und dann der Plan. Vorstandschef Blume hat ein Sanierungsprogramm namens »Group Target Picture 2030« vorgelegt, der Aufsichtsrat tagt am 9. Juli. Berichten zufolge sollen bis zu 100.000 Stellen wegfallen und vier deutsche Werke schließen. Der eigentliche Hebel steckt aber tiefer: Die Kernmarke und die Komponentenwerke sollen in eigenständige Gesellschaften ausgegliedert werden. Analysten der Citigroup nennen die Konstruktion eine »Bad Bank«: die schwachen Teile isolieren, eine schlanke Holding bleibt übrig (Telepolis).
Warum das clever und heikel zugleich ist, sieht der Betriebsrat sofort. Eine Ausgliederung kann das VW-Gesetz und die Mitbestimmung aushebeln. Wandern die Werke in eine neue Gesellschaft, bleiben Haustarif und Kündigungsschutz in der alten Hülle zurück. Und dann sind die betriebsbedingten Kündigungen, die bis 2030 ausgeschlossen sind, plötzlich wieder möglich. IG-Metall-Chefin Benner und Betriebsratschefin Cavallo drohen bereits, solche Pläne »mit aller Macht« zu verhindern (Handelsblatt).

Vom Token-Maxing zum Token-Minimizing.
Jahrelang galt in der Tech-Welt: mehr KI, mehr Tokens, mehr von allem. Jetzt drehen ausgerechnet die, die eigene Modelle haben, den Hahn zu. Bei Meta hatte im Schnitt jeder Mitarbeiter Token für rund 50.000 Dollar im Jahr zur Verfügung, in einem einzigen Monat verbrannte die Belegschaft 221 Millionen (SemiAnalysis). Ein internes Ranking der größten Token-Verbraucher wurde zwei Tage nach dem ersten Bericht klammheimlich abgeschaltet, ein Sparmemo ging an rund 6.000 Leute, feste Budgets kommen ab 2027 (Fortune). Tesla deckelt die KI-Ausgaben seiner Mitarbeiter ab dem 6. Juli auf 200 Dollar pro Woche, nimmt aber ausgerechnet die eigenen xAI-Produkte von der Bremse aus (Electrek). Kosten nach außen kappen, das eigene Modell nach innen päppeln.
Der Grund ist simpel: KI ist zu teuer. Sam Altman hat selbst zugegeben, dass OpenAI schon mit dem 200-Dollar-Abo Geld verliert, weil die Leute es viel intensiver nutzen als gedacht (Fortune). 2025 stand bei OpenAI einem Umsatz von rund 13 Milliarden ein operativer Verlust von rund 21 Milliarden gegenüber, die Kosten lagen bei 34 Milliarden (Fortune). Für jeden eingenommenen Dollar gibt die Firma mehr als zwei aus.
Und jetzt kommt die Seite, auf die kaum jemand schaut. Die Angebotsseite kennt jeder, die Labore, die Milliarden verbrennen. Die Risse aber kommen zuerst von der Nachfrageseite, und zwar bei den Endkunden, wo man mit einem Klick wieder kündigt. Eine MIT-Untersuchung fand, dass 95 Prozent der Unternehmen mit ihren KI-Pilotprojekten keinen messbaren Ertrag erzielen. Von den Privatnutzern zahlen nur rund 3 Prozent überhaupt für KI, und Apps mit KI werden rund 30 Prozent schneller wieder gekündigt als andere (Menlo Ventures, TechCrunch). Leicht gekauft, leicht gekündigt.
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BoB liest du sonntags und hörst du mittwochs. BoB buchst du, wenn bei euch jemand ein Problem lauter macht, als es ist, um eine unbequeme Entscheidung durchzudrücken. Oder wenn die offizielle Erzählung und die echten Zahlen im selben Meeting auseinanderlaufen und keiner es ausspricht. Keynote, Sparring, KI-Strategie-Sprint. Alles drei mit Zahlen statt Buzzwords.
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— Stephan
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