Newsletter
Was laut ist. Und was wahr ist.
40 Grad. 7 Milliarden. Ein Missverständnis.
· 10 Min Lesezeit
Heute drei Geschichten über den Abstand zwischen dem, was laut erzählt wird, und dem, was wirklich passiert. Die erste glüht gerade bei 40 Grad vor deiner Tür, und die Partei, die in jeder Umfrage vorne liegt, sagt dir, das sei alles ganz normal. Die zweite handelt von Geld, das für die Städte angeblich nie da ist, bis es plötzlich da ist. Und die dritte zeigt, wo in der KI der eigentliche Wert steckt, nämlich genau dort, wo gerade niemand hinsieht.

Es brennt. Und ein Viertel sagt: alles normal.
Diese Woche standen 94 Millionen Menschen in Europa tagsüber bei über 35 Grad (ZDF). Südwestfrankreich meldete 44 Grad, Spanien 45,1, Großbritannien seinen heißesten Juni-Tag seit Beginn der Messreihe. Und Deutschland? Am 26. Juni kletterte das Thermometer in Saarbrücken auf 41,3 Grad, der höchste je hier gemessene Wert, ein neuer Allzeitrekord (Tagesspiegel). Die Wetterforscher der World Weather Attribution sagen klar, dass eine Hitzewelle dieser Wucht ohne den Klimawandel nicht möglich wäre.
Das ist kein Wetter. Das ist eine Rechnung. Und sie läuft längst.
Die Bundesregierung hat sie selbst beziffern lassen. Eine Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums kommt auf kumulierte Schäden von 280 bis 900 Milliarden Euro bis 2050, je nachdem wie heftig es kommt (Prognos/BMWK). Allein seit dem Jahr 2000 hat Extremwetter hier mindestens 145 Milliarden gekostet, der größere Teil davon erst seit 2018. Allianz Trade hat im Mai durchgerechnet, was die Hitze speziell mit der Wirtschaft macht: bis zu minus 3 Prozent BIP bis 2030, weil die Produktivität pro Grad über 30 um rund 3 Prozent fällt (Allianz Trade). Klingt abstrakt? Im Sommer 2025 sind nach Schätzung des RKI rund 2.600 Menschen an der Hitze gestorben. Das ist die konkrete Seite der Zahl.
Und jetzt der laute Teil. Die AfD steht in jeder Sonntagsfrage auf Platz eins, je nach Institut zwischen 27 und 29 Prozent, mit dem Höchstwert von 29 bei INSA und YouGov (wahlrecht.de). Im Grundsatzprogramm dieser Partei steht wörtlich: »Kohlendioxid (CO2) ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens.« (afd.de). Die Aussagen des Weltklimarats, dass der Wandel menschengemacht sei, seien »wissenschaftlich nicht gesichert«. Das Pariser Abkommen gehöre gekündigt, das EEG ersatzlos gestrichen, Deutschland solle aus allen Klimaschutz-Organisationen austreten. Als Alice Weidel im Wahlkampf behauptete, Atomstrom habe einen »CO2-Fußabdruck von null«, war das laut Faktencheck größtenteils falsch (Correctiv).

Für die Stadt ist kein Geld da. Für den Panzer schon.
»Kein Geld« war gerade das Stichwort. Jetzt kommt der Beweis, dass das nie stimmt. Diese Woche hat der Haushaltsausschuss des Bundestags durchgewunken, dass der Bund 40 Prozent am Panzerbauer KNDS übernimmt, der Firma hinter dem Leopard 2. Kostenpunkt: bis zu 7,2 Milliarden Euro (Reuters). Von der Regierungsentscheidung im Mai bis zur Freigabe Ende Juni vergingen gut fünf Wochen, sauber getaktet auf den anstehenden Börsengang. Verteidigungsminister Pistorius setzte die 40 Prozent durch, gleichauf mit Frankreich, samt Sperrminorität (ZDF). Wenn der Staat will, kann er schnell. Und großzügig.
Jetzt die andere Seite derselben Woche. Die Kommunen steuern 2025 und 2026 auf ein Defizit von jeweils fast 30 Milliarden Euro zu, 29,4 im vergangenen, 29,7 in diesem Jahr (Städtetag). Am 22. Juni machten über 1.500 Städte und Kreise unter dem Motto »Kommunen am Limit« mobil. Die drei kommunalen Spitzenverbände, darunter Städtetags-Präsident Burkhard Jung, sagen es ungewohnt deutlich: »Die kommunalen Haushalte kollabieren, und zwar fast überall.« Und die berühmte Entlastung von 3 Milliarden, über die seit Monaten geredet wird? Die kommt frühestens ab 2027 und wächst dann langsam an. Das ist ein Zehntel eines einzigen Defizitjahres. Für die ganze Republik.

Der Wert liegt nicht im glänzenden Neuen.
Während wir über Prioritäten streiten, zeigen zwei Firmen gerade, wo in der KI das Geld wirklich verdient wird. Und zwar nicht da, wo alle hinschauen.
Die erste ist italienisch und heißt Bending Spoons. In diesen Tagen geht sie an die Nasdaq, das Filing bei der US-Börsenaufsicht liegt seit dem 8. Juni vor, angepeilte Bewertung rund 19 Milliarden Dollar (Fortune). Das Verrückte: Diese Firma hat im Grunde nichts erfunden. Sie kauft bekannte, müde gewordene Apps und Marken auf, Evernote, WeTransfer, Vimeo, AOL, Eventbrite, vereinheitlicht das Backend, hebt die Preise und baut radikal Personal ab. Bei WeTransfer flogen 75 Prozent der Belegschaft, bei der Wander-App Komoot rund 85 Prozent (TechCrunch). Brutal, aber profitabel: Im ersten Quartal 2026 machte Bending Spoons 601 Millionen Umsatz und drehte einen Vorjahresverlust von 112 Millionen in 28 Millionen Gewinn. Die Bewertung ging von 2,55 Milliarden 2024 über 11 Milliarden Ende 2025 auf jetzt 19. Kein neues Produkt. Nur Effizienz, gnadenlos exekutiert.
Die zweite kommt aus Tokio und beweist dasselbe Prinzip auf der Modell-Ebene. Während sich die großen US-Labore mit Milliarden-Rechenzentren überbieten, um das nächste Spitzenmodell zu trainieren, hat Sakana AI etwas anderes gebaut: Fugu, ein Orchestrator. Kein eigenes Frontier-Modell, sondern ein System, das vorhandene, öffentlich verfügbare Modelle wie Opus 4.8, Gemini 3.1 Pro und GPT-5.5 geschickt dirigiert (Sakana AI). Das Ergebnis, nach Sakanas eigenen und noch nicht unabhängig bestätigten Benchmarks: Auf dem Coding-Test SWE-Bench Pro kommt die stärkste Variante Fugu Ultra auf 73,7 und schlägt damit Opus 4.8 mit 69,2. Auf dem Reasoning-Test GPQA landet es bei 95,5, auf dem Niveau von Anthropics noch gar nicht öffentlichem Spitzenmodell Mythos. Erreicht von einem System, das die stärksten Modelle gar nicht in seinem Werkzeugkasten hat. Sakanas These: Das geht mit »moderater Rechenleistung« statt Mega-Clustern (The Decoder).
Themen der Woche
Vier, die es nicht in die lange Analyse geschafft haben, aber dein Radar verdienen.
Die größte deutsche Startup-Runde hat ein Sternchen Neura Robotics aus Metzingen, die an humanoiden Robotern bauen, haben die größte Finanzierungsrunde eingesammelt, die je ein deutsches Startup bekommen hat: bis zu 1,4 Milliarden Dollar, bei einer Bewertung von rund 7 Milliarden (CNBC). Mit dabei: Nvidia, Amazon, Qualcomm und ausgerechnet der Stablecoin-Drucker Tether. Klingt nach deutschem Triumph, hat aber einen Haken im Kleingedruckten. Auf das »bis zu« kommt es an. Die volle Summe ist an Meilensteine geknüpft, es ist also eine Zielmarke, kein garantierter Scheck. Trotzdem ein starkes Signal: Wenn deutsches Hardware-Knowhow auf amerikanisches Kapital trifft, wird es plötzlich groß. Nur eben finanziert wird es woanders.
Bessere Laune, weniger Jobs Das ifo-Geschäftsklima ist im Juni gestiegen, auf 85,6 (ifo). Schlagzeile: Erholung. Am selben Tag fiel aber das ifo-Beschäftigungsbarometer auf 92,3, und alles unter 100 heißt, dass mehr Firmen Stellen abbauen als aufbauen. Die Chefs sind also besserer Laune, ihre Personalabteilungen kürzen trotzdem weiter. ifo-Mann Klaus Wohlrabe fasst es trocken zusammen: »Der Arbeitsmarkt bleibt schwach.« Die Erholung existiert gerade vor allem in der Umfrage. Auf der Gehaltsliste noch nicht.
Im Register sieht die Erholung anders aus Im ersten Halbjahr 2026 gab es 12.900 Unternehmensinsolvenzen, ein Plus von 7,8 Prozent und der höchste Stand seit 2013. Rund 165.000 Arbeitsplätze hängen daran, und Creditreform sagt offen, der Höhepunkt sei »noch nicht erreicht«, Stabilisierung frühestens 2027 (Creditreform). Im Maschinenraum der Industrie sieht es nicht besser aus. Bei Mercedes ist der Gewinn 2025 um fast die Hälfte eingebrochen, von 10,4 auf 5,3 Milliarden, und auch ins Jahr 2026 startete der Konzern schwächer als im Vorjahr (t-online). Und bei VW kursiert ein Bericht über bis zu 100.000 gestrichene Stellen und vier Werksschließungen, über den der Aufsichtsrat erst am 9. Juli entscheidet. Insider halten die Zahl für übertrieben. Geschenkt. Denn während über die 100.000 gestritten wird, sind 35.000 Stellen aus dem alten Sparpaket längst verbindlich vereinbart. Das ist das Muster: Die Schlagzeile streitet über die Schreckenszahl, die echte Kürzung ist schon unterschrieben. Erholung ist eine Stimmung. Abbau ist ein Vertrag.
Die Straße von Hormuz, die nächste Folge Am 17. Juni unterzeichneten Trump und Irans Präsident ein Rahmenabkommen, der Krieg sei beendet, die Straße von Hormuz wieder offen, der Ölpreis fiel auf 78 Dollar (Al Jazeera). Dann, Lehrbuch: Schon am 18. Juni wurden die ersten Folgegespräche wieder verschoben. Bis Ende Juni wurden zwei Tanker getroffen, darunter ein Schiff mit über zwei Millionen Barrel, und die USA flogen die ersten Luftschläge auf den Iran seit der Unterschrift (Tagesspiegel). Parallel bombardiert Israel trotz Waffenruhe weiter den Südlibanon. Das Abkommen ist keine zwei Wochen alt, da brennt schon wieder ein Tanker. Trumps eigener Disclaimer bei der Unterschrift: »Wenn es mir nicht gefällt, schießen wir wieder.« Der Ölmarkt hat den Running Gag offenbar durchschaut, Brent steht trotz allem bei rund 72 Dollar, weit unter dem Frühjahrshoch von über 100 Dollar. Wer seine Energiekosten von dieser einen Meerenge abhängig macht, plant weiter auf Hoffnung. Und Hoffnung ist keine Strategie.
In eigener Sache: Jetzt BoB buchen.
BoB liest du sonntags und hörst du mittwochs. BoB buchst du, wenn in deinem Vorstand jemand „KI-Strategie" sagt und keiner im Raum unterscheiden kann, was Substanz ist und was nur teure Show. Oder wenn jemand erklärt, für die wichtigen Dinge sei „kein Budget da", während woanders in Rekordzeit Milliarden fließen. Keynote, Sparring, KI-Strategie-Sprint. Alles drei mit Zahlen statt Buzzwords.
Du hast ein Thema, das dich umtreibt, aber willst (noch) nichts buchen? Schreib mir direkt: sb@stephanbaier.com
Wer den BoBletter weiterempfehlen will, leitet ihn einfach weiter oder schickt jemandem stephanbaier.de.
Bis nächste Woche. Peace.
— Stephan
P.S. Du folgst mir noch nicht? Instagram · TikTok · LinkedIn