In den letzten vier Wochen hat die KI-Industrie drei Geschichten umgeschrieben. Erstens: Aleph Alpha, das letzte deutsche Modell-Versprechen, wird gerade kanadisch. Zweitens: Sam Altman und Dario Amodei, die zwei lautesten Job-Apokalyptiker der vergangenen zwei Jahre, sagen plötzlich, sie hätten sich geirrt. Drittens: Anthropic und OpenAI starten in einer Woche zwei parallele Joint Ventures mit Wall-Street-Private-Equity und McKinsey, um Sprachmodelle in Konzerne auszurollen. Drei verschiedene Schlagzeilen, eine gemeinsame Logik. Vor dem Börsengang wird das Narrativ angepasst, bis es zum Pricing passt.
Am 24. April hat das kanadische KI-Unternehmen Cohere bekannt gegeben, dass es Aleph Alpha aus Heidelberg übernimmt (CNBC). Aleph Alpha galt jahrelang als die deutsche Hoffnung auf eine eigene KI auf Augenhöhe mit OpenAI. Die zusammengeführte Firma wird mit 20 Milliarden Dollar bewertet. Schwarz Group, bisher größter Geldgeber von Aleph Alpha, steckt 600 Millionen in die nächste Finanzierungsrunde von Cohere. Das letzte deutsche Modell-Versprechen wird damit zur kanadischen Tochter mit deutschem Büro.
Wer die aktuelle Modell-Landkarte anschaut, versteht, warum der Verkauf kam. Der Artificial Analysis Intelligence Index v4.0 misst Reasoning-Leistung über Standard-Benchmarks. Stand Mai 2026: GPT-5.5 führt mit 60 Punkten. Claude Opus 4.7 und Gemini 3.1 Pro folgen mit je 57. Mistral Large 3 als stärkste europäische Option erreicht zwischen 30 und 35 Punkten. Kimi K2.6 von Moonshot kommt auf 54, DeepSeek V4 Pro auf 52. Beide chinesischen Modelle sind Open Weight. Sie laufen auf jeder Hardware, die du beschaffen kannst.
Hier kommt der Switch, der jeden deutschen CIO unangenehm trifft. Ein chinesisches Open-Weight-Modell, gehostet auf deutschen GPUs, ist datensouveräner als GPT-5.5 auf Azure Germany. Der US CLOUD Act greift nicht. DSGVO greift sauber. Sobald die Modell-Gewichte auf europäischer Hardware liegen, ist die Herkunft des Modells für den Datenpfad irrelevant. Das chinesische Labor sieht nicht, was deine Mitarbeiter in das Modell eintippen. Compliance ist nicht Souveränität. „In der EU gehostet" heißt nicht „vor dem Zugriff US-amerikanischer Behörden geschützt".
Und selbst wenn Europa den Modell-Stack hätte, fehlte das Fundament. Deutschland kommt 2026 insgesamt auf etwa 3 Gigawatt Rechenzentrumsleistung (Bitkom). Eine einzige neue Meta-Anlage in Louisiana, der Codename ist „Hyperion", soll am Ende 5 Gigawatt erreichen (Bloomberg). Eine einzige Halle, größer als die gesamte deutsche Rechenzentrums-Infrastruktur. Während die Bundesregierung 500 Milliarden Euro Sondervermögen verteilt, fließt davon nichts in Strom oder Rechenzentren. Du kannst nicht souverän sein, wenn dir die Hardware fehlt, auf der du souverän wärst.
Ich habe in deutschen Lenkungskreisen Digitalprojekte sterben sehen. Nie an der Technik. Immer an den Datenschutz-Gremien, an der Genehmigungsschleife, an der KI-Strategie-Folie für Q3. Das eigentliche Problem dahinter ist struktureller. KI ist ein Schichtgeschäft, fünf Ebenen tief: ganz unten der Strom, darüber die Chips, dann die Rechenzentren, dann die Modelle, ganz oben das Kunden-Interface, mit dem deine Mitarbeiter morgens arbeiten. Deutschland diskutiert seit drei Jahren Schicht vier und fünf. Schicht eins fehlt. Aleph Alpha war die letzte ernsthafte deutsche Karte auf Schicht vier. Sie wurde gerade verkauft. Wer heute Souveränität sagt und „Azure Germany" meint, hat den Stack nicht verstanden.
Dario Amodei, CEO von Anthropic, war 2025 der lauteste Mahner. Seine These im Mai-Interview mit Axios: 50 Prozent der Entry-Level-White-Collar-Jobs könnten in fünf Jahren verschwinden (Axios). Sam Altman, OpenAI, war auf derselben Linie.
Anfang Mai 2026, neben JPMorgan-CEO Jamie Dimon in einer Pressekonferenz, hat Amodei seine Sprache verändert (Fortune). Er rief jetzt das Jevons-Paradox auf, ein Industrie-Ökonomie-Konzept aus dem 19. Jahrhundert: „Wenn du 90 Prozent eines Jobs automatisierst, machen alle die übrigen 10 Prozent. Und diese 10 Prozent expandieren dann zu 100 Prozent neuer Arbeit." KI sei kein Job-Killer mehr. KI sei jetzt ein Job-Multiplikator.
Drei Wochen später, am 26. Mai, sagte Sam Altman dem CEO der Commonwealth Bank of Australia: „I'm delighted to be wrong." Er habe sich beim Apokalypse-Frame geirrt (Time). Fortune brachte die Linie auf den Punkt: „walking back ahead of blockbuster IPOs" (Fortune).
Was die Daten sagen, ist nuancierter. Das Yale Budget Lab fand bis März 2026 keine messbaren Beschäftigungs-Veränderungen in den Berufen mit hoher KI-Exposition. Aber Challenger Gray & Christmas zählt für 2026: 48 Prozent aller Layoffs werden von den Firmen selbst auf „AI und Workflow-Automation" zurückgeführt. Forrester-Analyst J.P. Gownder bringt das Auseinanderfallen auf den Punkt: in neun von zehn Fällen, in denen ein Unternehmen Layoffs mit KI begründet, gibt es im Haus überhaupt keine produktive KI, die die gestrichenen Stellen ersetzen könnte (Forrester).
Vor 18 Monaten war die Apokalypse der Marketing-Pitch. Sie verkaufte Dringlichkeit, Finanzierungsrunden und Hype-Zyklen, also alles, was eine Industrie braucht, deren Bewertung an der Erzählung hängt. Heute, kurz vor den Börsengängen, verkauft genau dieselbe Industrie das Gegenteil: KI als Produktivitäts-Multiplikator, der Sitze nicht ersetzt, sondern aufwertet. Praktisch, denn das nächste Pricing-Modell rechnet pro Token statt pro Mitarbeiter. Beides war nie eine Vorhersage. Es war Vertrieb mit anderen Mitteln. Wer heute eine KI-Strategie braucht, hört besser auf die Forrester-Zahl als auf Amodei. Die ehrliche Layoff-Welle dieses Jahres kommt nicht von einer Technologie. Sie kommt von Managern, die Personalabbau als KI-Transformation in die Pressemitteilung schreiben.
Am 4. Mai verkündete Anthropic ein Joint Venture mit drei Wall-Street-Schwergewichten: Blackstone, Hellman & Friedman und Goldman Sachs. Committed Capital: 1,5 Milliarden Dollar (Fortune). Aufgabe: Forward-Deployed Engineers in mittelgroße Unternehmen schicken, Claude direkt in die Kernprozesse einbauen, Switching Costs aufbauen.
Eine Woche später, am 11. Mai, kündigte OpenAI dasselbe an. Größer. „The Deployment Company", ein Joint Venture mehrheitlich von OpenAI kontrolliert, mit 4 Milliarden Dollar Kapital von 19 Investoren (TechCrunch). Anker: TPG. Co-Lead-Partner: Advent International, Bain Capital, Brookfield. Founding Partner: McKinsey.
Beide Häuser kopieren das Palantir-Playbook. Engineers ziehen in Konzerne, integrieren die KI, bauen interne Workflows, schaffen Lock-in. Aus einmaligen API-Kunden werden langfristige Enterprise-Verträge mit hohen Wechselkosten. Das ist nicht harmlos. Das ist Strategie.
Die Pointe ist die abstruseste der drei Wenden. Die Technologie, die seit drei Jahren als Consulting-Killer verkauft wurde, wird jetzt durch Consulting in Konzerne gebracht. Anthropic zahlt Goldman Sachs, damit Goldman Sachs den Goldman-Sachs-CIO überzeugt, Claude zu deployen. OpenAI zahlt McKinsey, damit McKinsey weiter macht, was McKinsey immer gemacht hat. Nur mit anderem Logo auf der Folie.
Vor zwei Jahren stand auf jeder Founder-Folie derselbe Satz: „Wir disrupten Consulting." Heute kaufen sich genau die Firmen, die das versprochen haben, in das Consulting ein, das sie ersetzen wollten. Der Grund ist banal: die API allein verkauft sich nicht. Vertriebskanäle gewinnst du nicht über Self-Serve, sondern über Berater, die im Vorstandsmeeting erklären, warum die Firma das jetzt braucht. Klassischer Vendor-Lock-in mit klassischen Vertriebsmaschinen. Wer drei Monate vor dem Börsengang seine Go-to-Market-Story austauscht, hat keine Go-to-Market-Story. Er hat ein Produkt, das Erklärung braucht. Und Erklärung kostet Honorar.
Drei Wenden in vier Wochen. Aleph Alpha verkauft. Amodei und Altman widerrufen ihre Apokalypse. Anthropic und OpenAI heuern die Consultants an, die sie ersetzen wollten. Drei verschiedene Geschichten. Eine gemeinsame Logik. Vor dem Börsengang wird das Narrativ so lange umgebaut, bis es zum Pricing passt. Wer heute die Story kauft, kauft morgen das Pricing.
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