Heute geht die zehnte Ausgabe raus. Kein Konfetti, kein Jubiläumsbanner. Aber über 2.000 Entscheider lesen mittlerweile jeden Sonntag mit. Wer von Anfang an dabei ist: danke. Ohne euch wäre dieser BoBletter nicht das, was er heute ist.
Jetzt zu dieser Woche.
Drei Schlagzeilen aus den letzten Wochen. SpaceX legt einen 300-Seiten-Prospekt vor, Bewertung 1,75 Billionen Dollar. Sam Altman verschenkt 169-mal zwei Millionen. Bund und Länder beschließen fünf neue Milliarden für Tablets in Schulen. Klingt nach drei Erfolgen. Ist keiner. Drei Tarnungen, ein Muster.
Am 20. Mai machte SpaceX seinen S-1 öffentlich, knapp 300 Seiten (TechCrunch). Die Bewertung: 1,75 Billionen Dollar. Damit wäre es der größte Börsengang der Geschichte. Im Prospekt steht alles, was du erwartest: Mars, Starship, KI-Rechenzentren im Orbit. Die ersten Seiten sind Bilder von Raketen.
Schau dir die Zahlen an, die hinter den Bildern stehen, dann verstehst du den Witz.
SpaceX machte 2025 18,7 Milliarden Dollar Umsatz bei 4,9 Milliarden Verlust (CNBC). 1,75 Billionen Bewertung gegen 18,7 Milliarden Umsatz ergibt ein Revenue-Multiple von fast hundert. Zum Vergleich: Apple ging 1980 an die Börse mit einem Multiple von rund fünfzehn (TechCrunch). Wer 1,75 Billionen rechnet, kalkuliert nicht mit dem heutigen Geschäft. Er kalkuliert mit einem Geschäft, das noch nicht existiert.
Welches Geschäft? Der Prospekt deutet es an, aber leise. 60 Prozent der Investitionen flossen 2025 in die KI-Sparte, rund 20 Milliarden Dollar, die genau 6,7 Prozent des Umsatzes erwirtschafteten (PitchBook). Die Rakete trägt die Bewertung nicht. Mars trägt die Bewertung nicht. Was die Bewertung tragen soll, ist Starlink. Genauer: Starlink Direct-to-Cell, das Mobilfunknetz aus dem Orbit, das ohne Mast, ohne lokalen Anbieter, auf jedem Handy funktioniert.
Und hier wird es interessant. Am 2. März 2026, auf dem Mobile World Congress in Barcelona, unterschrieb die Deutsche Telekom unter Tim Höttges genau diesen Deal mit SpaceX. 140 Millionen Mobilfunkkunden. Zehn Länder. Start 2028. Bis zu 150 Megabit pro Sekunde direkt auf das Standard-Smartphone (Deutsche Telekom). Telekoms eigene Begründung: Starlink sei "the only adequate option". Übersetzt: Wir haben das Spiel verloren, bevor es begann.
Am selben Tag, am 2. März, unterschrieb SpaceX einen zweiten Vertrag. Goldman Sachs führte ein Bankenkonsortium an, das 20 Milliarden Dollar Brückenkredit bereitstellt, um 17,5 Milliarden Schulden aus X und xAI abzulösen (IFR). Die Zinsen halbierten sich. Vier Wochen später kündigte SpaceX den Börsengang an. Goldman ist Lead-Underwriter (Reuters). Anders gesagt: Goldman streckt 20 Milliarden vor. Du finanzierst sie zurück, wenn du die Aktie kaufst.
Das ist der dreistufige Trick. Schritt eins: Sci-Fi-Sprache tarnt das echte Geschäft. Schritt zwei: ein Bridge-Loan-Manöver, das die Schulden aus dem Twitter-Kauf in Börsenkapital verschiebt. Schritt drei: die stille Übernahme des Welt-Mobilfunknetzes über zehn willige Vertragspartner. Deutsche Telekom ist der erste.
Letzte Woche stand hier: Amerika kontrolliert die KI nicht mehr. Diese Woche siehst du, was Amerika stattdessen kontrolliert. Die Telekom hat T-Mobile US über zwanzig Jahre großgezogen, hält dort heute knapp 53 Prozent. Frankenstein und sein Monster, klassisch. Was 2028 startet, ist keine Erweiterung des Telekom-Netzes. Es ist eine Substitution. In fünf Jahren erklärt dein Sohn dir, was eine Telekom war. Und du finanzierst den Übergang als Aktionär mit. Wer 1,75 Billionen zahlt, kauft nicht die Rakete. Er kauft die Funkfrequenzen, von denen wir noch dachten, sie gehörten uns.
Am selben Tag, an dem SpaceX seinen Prospekt einreichte, ging eine zweite Meldung fast unter (TechCrunch). Sam Altman bietet jedem der 169 Startups im aktuellen Y-Combinator-Batch 2 Millionen Dollar. Klingt wie das großzügigste Investorenangebot des Jahres.
Lies das Kleingedruckte.
Es sind keine zwei Millionen in bar. Es sind zwei Millionen in OpenAI-Token. Die Startups bekommen Guthaben, das ausschließlich bei einer einzigen Firma einlösbar ist: bei OpenAI. Gegen Anteile. Genauer: gegen einen uncapped SAFE, der zur nächsten Finanzierungsrunde konvertiert. Heißt: Du gibst Anteile ab, deren Höhe heute noch niemand kennt.
Zum Vergleich: Der Y-Combinator-Standard-Deal ist 500.000 Dollar in bar für 7 Prozent. Altman ersetzt das Geld durch Guthaben in seinem eigenen Produkt, das ihn selbst bei fallenden Inferenzpreisen fast nichts kostet. Und kauft sich dafür echte Anteile an 169 jungen Firmen, plus die Garantie, dass die nächste Gründerkohorte auf OpenAI-Schienen baut, bevor sie eigene legen kann. Wechseln zu Anthropic Claude Code? Dann verbrennt das Guthaben.
Jason Calacanis vom All-In-Podcast formuliert die unangenehme Pointe: "If you take these tokens, there's a non-zero chance that OpenAI will study exactly what your startup is doing, copy your idea and put your app into their free offering." Übersetzt: Dein Investor ist gleichzeitig dein Lieferant, dein Wettbewerber und dein Marktdaten-Sammler. Die größte Bedrohung deines Startups liest jetzt im Board-Deck mit.
Letzte Woche habe ich hier beschrieben, wie OpenAI sich für 341 Millionen die Presse kauft. Diese Woche kauft sich Altman die Gründer. Selbes Playbook, neues Opfer.
Klassisches Vendor-Lock-in-Playbook. Big-Four-Klassiker: Werkzeug schenken, Werkzeug wird im Code zur DNA, in drei Jahren kostet der Wechsel mehr als die Firma wert ist. Neu ist nur, dass der Lieferant jetzt im Cap Table sitzt. Wer 2 Millionen Token-Guthaben nimmt, optimiert auf Runway. Wer ablehnt, optimiert auf Optionalität. Und Optionalität ist die einzige Währung, die im Crash noch gilt.
Im April haben Bund und Länder die Verwaltungsvereinbarungen für den Digitalpakt Schule 2.0 final beschlossen (NRW Schulministerium). Fünf weitere Milliarden Euro, je zur Hälfte von Bund und Ländern, Laufzeit bis 2030. Tablets, WLAN, digitale Lehrmittel. Bund und Länder feiern. Die Bilanz des ersten Digitalpakts: 97 Prozent der 7,15 Milliarden ausgegeben, 30.000 Schulen erreicht (Deutsches Schulportal). Wirkung im Klassenzimmer: unklar.
Während wir die zweite Runde finanzieren, hat die OECD längst gemessen, was die erste tatsächlich angerichtet hat. PISA 2022 zeigt: Schüler, die fünf bis sieben Stunden täglich mit digitalen Geräten in der Schule lernen, schneiden in Mathematik zehn Punkte schlechter ab als ihre Kolleginnen mit moderater Nutzung (OECD PISA 2022). 59 Prozent der OECD-Schüler berichten, dass sie im Matheunterricht durch andere Schüler mit Smartphone oder Tablet abgelenkt werden. Diese Gruppe verliert weitere 15 Punkte. Der PISA-2022-Mathe-Einbruch insgesamt: drei Mal größer als jede vorherige Veränderung.
Schweden hat die Konsequenz gezogen. Das Karolinska-Institut formulierte es im August 2023 unmissverständlich: "Es gibt klare wissenschaftliche Belege, dass digitale Werkzeuge das Lernen eher behindern als fördern." Die schwedische Regierung kippte den Kurs: 685 Millionen Kronen für Schulbücher zurück in die Klassenzimmer, plus 500 Millionen in den Folgejahren.
Im Januar dieses Jahres trat der Neurowissenschaftler Jared Cooney Horvath vor das US-Senate-Commerce-Committee. Sein Befund, schriftlich eingereicht und protokolliert: Fünf Stunden Schulcomputer pro Tag bedeuten zwei Drittel einer Standardabweichung schlechtere kognitive Leistung. Datenbasis: 80 Länder. Gen Z ist die erste Generation der Moderne, die schlechter testet als ihre Eltern (Senate Commerce Committee).
Die JIM-Studie 2024 zeigt, wo deutsche Jugendliche stehen (mpfs): durchschnittlich knapp vier Stunden Bildschirmzeit pro Tag, 93 Prozent nutzen das Smartphone täglich. Du nimmst deinem Kind beim Abendessen das Handy weg. Die Schule gibt es um 8 Uhr morgens wieder aus. Im Lehrplan. Mit Fördergeld.
China hat das Problem 2021 anders gelöst. Die National Press and Publication Administration verfügte, dass Onlinegames für Minderjährige nur noch an drei Wochentagen plus Feiertagen, jeweils zwischen 20 und 21 Uhr verfügbar sind (Library of Congress). Im Dezember 2021 verhängte Peking 210 Millionen Dollar Strafe gegen Top-Influencerin Viya und sperrte sie permanent (Time). Wir haben seit 2024 den Digital Services Act mit bis zu 6 Prozent globalem Umsatz als Strafrahmen. Ernsthafte Strafe gegen Meta für unzureichenden Minderjährigenschutz: null. Die EU hat im Juli 2025 Leitlinien veröffentlicht.
Schweden hat die Bremse gezogen, weil die Daten eindeutig waren. Wir geben fünf neue Milliarden für genau das aus, was Schweden gerade rückbaut. Ich habe Ed-Tech-Procurements in der Beratung begleitet. Das Argument war nie: Macht Kinder schlauer. Das Argument war: Der Fördertopf läuft aus, das Geld muss raus. Digitalpakt 2.0 ist Hardware-Beschaffung mit Bildungs-Etikett. Wenn deine Marke das Geld in die Story statt ins Produkt steckt, kennst du das aus jedem CMO-Meeting. Das Bildungsministerium macht es gerade auf fünf Milliarden Euro.
Drei Schlagzeilen. Drei Tarnungen. Telekom-Kunden bezahlen mit ihrem Netz. YC-Gründer bezahlen mit ihrer Optionalität. Deutsche Schüler bezahlen mit zwei Dritteln einer Standardabweichung. Drei verschiedene Preise. Eine einzige Methode.
BoB liest du sonntags. BoB buchst du, wenn dein Vorstand "KI-Strategie" sagt und keiner im Raum weiß, was damit konkret gemeint ist. Keynote, Sparring, KI-Strategie-Sprint. Alles drei mit Zahlen statt Buzzwords.
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Bis nächste Woche. Peace.
— Stephan
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