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Die Zahl, die keiner zeigt.
Ausgeblendet. Vorgeführt. Nachgezahlt.
· 7 Min Lesezeit
Am Freitag hat Oliver Blume die Lage bei Volkswagen „mehr als kritisch" genannt. Vier Tage vor neun Betriebsversammlungen. Heute erklärt Friedrich Merz in der Bild am Sonntag Wachstum und Beschäftigung zum wichtigsten Thema. Vorgenommen hatte er sich das schon im Januar.
Beide zeigen dabei auf eine Kennzahl, in der das Problem gerade nicht steht.
Drei Zahlen ziehen sich durch diese Woche. 184 Millionen. 0,0 Prozent. 26.982. Ein Konzern, ein Land, ein Weltmarkt. Jedes Mal dieselbe Mechanik: Vorne steht die Zahl, über die geredet wird. Der Schaden steht eine Zeile tiefer.

Mehr als kritisch. Vier Tage vor neun Betriebsversammlungen.
Blume hat es im Konzern-Intranet gesagt, veröffentlicht am Freitag. Ein Satz, der es in jede Meldung geschafft hat: „Die Lage ist mehr als kritisch." Dazu die Diagnose, in indirekter Rede: Der Konzern sei „überdimensioniert, zu langsam und zu kompliziert." (ZDF)
Ab Dienstag laufen neun außerordentliche Betriebsversammlungen an neun Standorten, bis zum 31. August. Blume tritt selbst in Wolfsburg, Emden und Zwickau auf (dpa). Vier Werke haben nach seinen eigenen Worten für die 2030er Jahre keinen Produktplan: Emden, Hannover, Zwickau und Audi Neckarsulm. Die oft genannte Zahl von 50.000 bedrohten Stellen im Konzern nennt Blume im selben Interview „keine fixe Zielgröße" (t-online).
Jetzt die Zahlen, auf die er zeigt. Der Konzern hat im ersten Halbjahr 158,1 Milliarden Euro umgesetzt und 5,9 Milliarden operativ verdient, ein Minus von 11,6 Prozent. Die operative Rendite liegt bei 3,8 Prozent nach 4,2 im Vorjahr (Volkswagen).
Und jetzt die Zahl, die in diesen 3,8 Prozent nicht steckt. Die chinesischen Gemeinschaftsunternehmen werden at equity bewertet. Ihr Umsatz und ihr operatives Ergebnis stecken deshalb gar nicht in den Konzernzahlen. Sie tauchen in der Marge, die Blume zitiert, schlicht nicht auf. VW weist den eigenen Anteil daran separat aus, weiter unten.
Dieser Anteil lag im ersten Halbjahr bei 184 Millionen Euro, nach 506 Millionen im Vorjahreszeitraum. Die Zahl steht in der Mitteilung des Konzerns, nur eben nicht in der Überschrift (Volkswagen). Im ganzen Jahr 2022 waren es noch 3,3 Milliarden (Geschäftsbericht 2022). China war jahrelang die Gelddruckmaschine des Konzerns. Sie ist aus.
Verhandelt wird das gerade in Wolfsburg, Emden und Zwickau.
Es gibt im selben Konzern einen Gegenbeweis, den kaum jemand aufmacht. Škoda hat im ersten Halbjahr nach eigenem Abschluss 16,0 Milliarden Euro umgesetzt und daraus 1,4 Milliarden operatives Ergebnis gemacht. Rendite: 8,5 Prozent (Škoda). Die Marke Volkswagen kam im Markensegment des Konzernberichts auf 42,30 Milliarden Umsatz und 995 Millionen. Rendite: 2,4 Prozent (auto motor und sport).
Gleicher Konzern. Weitgehend gleiche Plattformen. Die kleine Marke verdient auf 38 Prozent des Umsatzes absolut mehr Geld.
Was unten ankommt, steht bei Destatis. In der deutschen Autoindustrie arbeiteten Ende Juni 691.500 Menschen, 42.300 weniger als ein Jahr zuvor. So wenige wie zuletzt 2005, und der stärkste Rückgang aller großen Industriebranchen. Die Zulieferer trifft es härter als die Hersteller: minus 7,6 Prozent gegenüber minus 6,1 (Destatis).

Wachstum ist jetzt Priorität. Wie im Januar.
Merz heute in der Bild am Sonntag. Wirtschaftswachstum und Beschäftigung nennt er „das wichtigste Thema". Dazu die Ansage, die vor der Sommerpause gefassten Beschlüsse müssten „so schnell wie möglich umgesetzt werden" (ZDF). Am Dienstag und Mittwoch tagt das Kabinett dazu in Klausur.
Am 19. Januar stand derselbe Mann nach der Sitzung der CDU-Gremien in Berlin und sagte, er wolle 2026 zu einem „Aufschwung- und Wachstumsjahr" machen (dpa).
Die gezeigte Zahl: Das Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 0,2 Prozent gewachsen (Destatis). Der Euroraum kam im selben Quartal auf 0,4 Prozent (Eurostat). Wir wachsen halb so schnell wie die Währungsunion insgesamt.
Für das Gesamtjahr erwartet die Bundesregierung in ihrer Frühjahrsprojektion noch 0,5 Prozent. Die Entwicklung falle „ungünstiger als es zur Jahreswende erwartet wurde" aus, heißt es dort (Bundesregierung). Wie viel ungünstiger, rechnet der BDI vor. Er hat seine Prognose im Juni auf 0,4 Prozent gesenkt, „statt wie am Jahresanfang ein Prozent" (BDI). Fairerweise: Das liegt nicht nur an Berlin. Die Institute rechnen rund die Hälfte ihrer Korrektur dem Energiepreisschock nach dem Iran-Krieg zu, etwa 0,3 von 0,6 Prozentpunkten. Die Straße von Hormus, unser treuester Wiederkehrer in diesem Newsletter. Die andere Hälfte begründen sie mit einer „Neubewertung struktureller Faktoren", die zu einer schwächer eingeschätzten industriellen Dynamik führt (Gemeinschaftsdiagnose). Diese Hälfte hat keine Tankerroute, auf die man zeigen kann.
Aber jetzt die Zahl, die in keiner Rede vorkommt. Die Gemeinschaftsdiagnose der fünf großen Institute schreibt, dass die Potenzialrate der deutschen Wirtschaft von derzeit rund 0,2 Prozent bis zum Ende des Jahrzehnts auf 0,0 Prozent sinkt. Wörtlich: „Das Potenzialwachstum kommt mittelfristig zum Erliegen." (Gemeinschaftsdiagnose)
Potenzialwachstum ist das, was diese Volkswirtschaft schafft, wenn alles rundläuft. Nicht die Konjunktur, sondern die Kapazität. Über 0,2 Prozent Quartalswachstum kann man streiten. Über eine Kapazität von null nicht.
Was das real bedeutet, steht in drei Statistiken. Creditreform zählt für das erste Halbjahr 12.900 Unternehmensinsolvenzen, ein Plus von 7,8 Prozent und der höchste Stand seit 2013, mit 165.000 betroffenen Arbeitsplätzen (Creditreform). Das IWH zählt allein im zweiten Quartal 4.996 Fälle, den höchsten Quartalswert seit mehr als zwei Jahrzehnten (IWH). Und in der Metall- und Elektroindustrie arbeiten noch 3,724 Millionen Menschen, der tiefste Stand seit über zwölf Jahren. Seit 2019 sind dort 340.000 Arbeitsplätze verschwunden (Gesamtmetall).
Die Einkommensteuerentlastung von 10 Milliarden Euro, auf die sich der Koalitionsausschuss vor der Sommerpause verständigt hat, soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten (ZDF). Ein Gesetz gibt es dazu noch nicht.

Die Roboter schlagen Saltos. Gewonnen wird woanders.
Seit gestern läuft in Peking die zweite Weltmeisterschaft der humanoiden Roboter. 666 Teams mit 2.056 registrierten Robotern (Stadt Peking), nach Angaben des Handelsblatts aus 16 Ländern. Die Bilder gehen gerade um die Welt: rennen, boxen, tanzen, Salto.
Zwei Szenen von derselben Veranstaltung, die es seltener in die Timeline schaffen.
Erstens: Bei der Eröffnung schossen die Sprint-Roboter über die Ziellinie hinaus und krachten ungebremst in eine Fallmatte (Handelsblatt). Bremsen ist noch nicht gelöst. Die schnellste gemeldete Zeit stammt gar nicht aus diesem Rennen, sondern aus einem Herstellertest im Vorfeld. Honors Roboter „Lightning" lief dort 9,32 Sekunden über 100 Meter, gut eine Viertelsekunde schneller als Usain Bolts Weltrekord von 9,58. Kein Wettkampf unter Leichtathletik-Regeln, eine Herstellerangabe. Und die Beine des Roboters waren zwischen dem Halbmarathon im April und diesem Test im August von 95 auf 105 Zentimeter verlängert worden (the5krunner). Eine Pressemitteilung mit Stoppuhr.
Zweitens: Es gibt bei diesen Spielen einen Wettbewerb, in dem die Roboter in 30 Minuten ein Wohnzimmer aufräumen, Wäsche falten und eine Waschmaschine bedienen sollen. Das ZDF hat fünf Stunden lang gedreht. In dieser Zeit hat kein einziger Roboter die Aufgabe geschafft (ZDF).
Die Zahl, die überall zitiert wird, stammt vom Analysehaus Smart Analytics Global: 97 Prozent aller weltweit ausgelieferten Humanoiden kamen im ersten Halbjahr aus China (Forbes). Klingt nach entschiedener Sache.
Die Zahlen eine Zeile tiefer: Der gesamte weltweite Markt für humanoide Roboter wird für 2026 auf rund 1,6 Milliarden Dollar geschätzt, von demselben Analysehaus (Forbes). Das ist, gemessen an der Aufregung, ungefähr nichts. Und davon geht ein großer Teil gar nicht an Kunden: Der Robotik-Analyst Georg Stieler schätzt, dass 50 bis 70 Prozent der in diesem Jahr gebauten Humanoiden in Datenfabriken landen, wo sie Trainingsdaten sammeln, statt für zahlende Kunden zu arbeiten (Reuters). Mindestens 90 solcher Trainingszentren sind in China in Betrieb, geplant oder im Bau, mindestens 64 laufen bereits (Interact Analysis).
Die Wirtschaftlichkeit ist auch noch nicht da. Guotai Securities beziffert die Schwelle, ab der sich ein Industrie-Humanoide rechnet, auf 160.000 Yuan. Tatsächlich kosten sie 300.000 bis 500.000 (MERICS).
Auch der Markt hat das bemerkt. Unitree ging am Mittwoch in Shanghai an die Börse, Ausgabepreis 150,80 Yuan, erster Kurs 1.100 (Caixin). Am dritten Handelstag, zum Schlusskurs am Freitag, stand die Aktie 38,9 Prozent unter dem Eröffnungskurs (Kursdaten 688836.SH).
Und jetzt die Zahl, um die es wirklich geht. Humanoide sind ein Nischenprodukt der chinesischen Roboterproduktion: 2025 wurden dort 12.870 Humanoide gebaut und 773.074 Industrieroboter (MERICS). Bei den Installationen stand es zuletzt, für 2024, 295.000 zu 26.982 für China gegen Deutschland (IFR World Robotics).
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Bis nächsten Sonntag. Peace.
— Stephan
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