Business ohne Bullshit

7. Juni 2026 · 8 Min Lesezeit

2026 wächst zuverlässig nur noch eine Branche: die Angst. Diese Woche in drei Bildern. Eine der wertvollsten KI-Firmen der Welt warnt vor ihrer eigenen KI, drei Tage nachdem sie den Börsengang beantragt hat. Iran greift einen zivilen Flughafen am Golf an, und die Wall Street glaubt nicht mehr, dass Trump die Straße von Hormuz wieder aufbekommt. Und in Deutschland ist das wertvollste Startup plötzlich kein Software-, sondern ein Rüstungsunternehmen. Die Autoindustrie wird derweil zerlegt. Drei Geschichten. Eine Logik. Wo Substanz, Rendite oder ein Deal fehlen, füllt die Angst die Lücke. Und Angst lässt sich verkaufen.

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Angst ist das teuerste Verkaufsargument.

Anthropic, eine der wertvollsten KI-Firmen der Welt, warnt vor der eigenen KI. Fordert eine globale Pause. Man verliere die Kontrolle. Im Report „When AI Builds Itself" stehen drei Zahlen, die durch jeden Feed gehen: Claude schreibe 80 Prozent der neuen KI selbst, trainiere sich 52 mal schneller als ein Mensch, erledige vier Jahre Arbeit in vier Tagen (Anthropic).

Klingt gespenstisch. Drei Tage vorher hat dieselbe Firma einen Börsengang eingereicht. Vertrauliches S-1 bei der SEC, am 1. Juni, bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar (TechCrunch). Einer der größten Börsengänge des Jahres, neben OpenAI und SpaceX. Ein Warnschild, direkt neben dem Verkaufsschild.

Jetzt das Kleingedruckte. Im Original steht: „more than 80% of the code we merge into Anthropic's codebase was authored by Claude." Übersetzt: Claude schreibt 80 Prozent des Codes, den Anthropic in die eigene Software einbaut. Es geht um den Hauscode einer einzigen Firma, nicht um die KI der Welt. Die 52 sind ein Tempogewinn bei einem internen Optimierungs-Test, gemessen gegen den Startwert. Kein „52 mal schnelleres Selbsttraining". Und die vier Jahre stehen tatsächlich im Report: 800 Fixes in einem Durchlauf, für die ein Mensch vier Jahre gebraucht hätte. Die vier Tage hat keiner gesagt. Die sind frei erfunden.

Die Pause, die Anthropic fordert, will Anthropic selbst nicht. Sie ergebe nur Sinn, „wenn alle mitziehen", und das sei „kaum zu erreichen". Ein Alleingang lasse nur „the least cautious actors catch up". US-Offizielle sagen seit Monaten, jede Verlangsamung schenke China den Vorsprung. Anthropic fordert also etwas, von dem es im selben Atemzug erklärt, warum es nie kommt.

Den Trick gab es schon. 2019, OpenAI, GPT-2. „Too dangerous to release", hieß es damals. Neun Monate später stand das Modell frei im Netz. Passiert ist nichts. Teile der Forschung haben es als PR-Stunt eingeordnet (the-decoder).

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Vor einem Börsengang verkauft niemand Demut. Man verkauft das Narrativ, das die Bewertung trägt. „Unsere KI ist so gefährlich gut, dass selbst wir Angst haben" ist nicht das Eingeständnis einer Schwäche. Es ist das stärkste Bull-Signal, das es gibt. Angst bedeutet Knappheit, Knappheit bedeutet Premium. „Zu gefährlich" heißt „zu mächtig". Und „zu mächtig" heißt: kauf die Aktie. 965 Milliarden Dollar brauchen eine Geschichte. Eine Skynet-Geschichte trägt eine bessere Bewertung als ein ehrlicher Satz wie „Claude ist ein sehr guter Code-Assistent". Wer dir gerade das Reel geschickt hat, in dem „sogar Anthropic Angst hat", hat den Werbeprospekt weitergeleitet und es für Journalismus gehalten.

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Der Dealmaker kriegt keinen Deal.

Im April habe ich an dieser Stelle geschrieben: „Hormuz. Woche 5. Und kein Ende in Sicht." Wir sind jetzt im vierten Monat. Und es wird nicht ruhiger. Es eskaliert.

Am 3. Juni haben iranische Drohnen das Terminal des internationalen Flughafens von Kuwait getroffen. Ein Toter, 63 Verletzte (NPR). Das Terminal war zwei Tage vorher gerade erst wieder geöffnet worden, nach monatelanger kriegsbedingter Schließung. Iran sagt, man habe US-Stützpunkte in Kuwait und Bahrain getroffen. Das US-Zentralkommando nennt es einen „gezielten, kalkulierten und ungerechtfertigten" Angriff (CNN). Wer einen zivilen Flughafen im Nachbarland angreift, sucht keinen Deal.

Zwei Tage vorher, am 1. Juni, hatte Iran die Verhandlungen mit den USA abgebrochen. Keine Nachrichten mehr über Vermittler. Stattdessen die Ansage, Hormuz „vollständig" zu schließen (CNBC). Die Wall Street zieht die Konsequenz und fängt an zu glauben, dass Trump die Straße nicht wieder aufbekommt (Fortune).

Der Ölpreis erzählt den Rest. Über 100 Dollar im März, fast 120 Dollar Ende April, zuletzt um die 95 Dollar pro Barrel. Runtergekommen, aber nicht entspannt. Die Internationale Energieagentur nennt es weiter die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarkts. Und der nächste Kipppunkt hat ein Datum. ING-Analyst Chris Turner sagt: Jeder Tag mit geschlossener Straße bringt den Moment näher, den viele im September erwarten. Dann reichen die Lager nicht mehr, um die fehlende Förderung auszugleichen.

Trump hat im Wahlkampf versprochen, Kriege zu beenden. Am ersten Tag. Per Deal. Jetzt sitzt der selbsternannte Dealmaker vor einem Gegenüber, das keinen Deal will.

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Die „Dealmaker"-Marke war immer das eigentliche Produkt. Aber ein Deal funktioniert nur, wenn die Gegenseite etwas will, das du geben kannst. Iran will nicht verhandeln. Iran will, dass die USA verschwinden. Und der asymmetrische Wirtschaftskrieg funktioniert aus seiner Sicht: kein Schiff, kein Öl, kein Gesichtsverlust. Je länger die Straße dicht ist, desto teurer wird das Aussitzen. Und desto klarer wird, dass niemand diese Angst auflöst. Genau dann wird der Risikoaufschlag vom Ausreißer zur festen Größe in jeder Kalkulation. Die Angst vor dem leeren Tank ist kein Ereignis mehr. Sie ist eine Dauereinnahme. Für alle, die Öl verkaufen.

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Aus Motoren werden Granaten.

Vor zwei Wochen schrieb ich, dass Aleph Alpha, die letzte deutsche KI-Hoffnung, kanadisch wird. Diese Woche die Pointe dazu. Deutschlands wertvollstes Startup ist wieder ein KI-Unternehmen. Es heißt Helsing, sitzt in München und baut Software für Kampfdrohnen und Zielsysteme. Helsing schließt gerade eine Runde über 1,2 Milliarden Dollar bei rund 18 Milliarden Dollar Bewertung ab, die größte Startup-Finanzierung der deutschen Geschichte (Trending Topics). Einer der Geldgeber: Spotify-Gründer Daniel Ek (TechCrunch). Deutschland hat seine souveräne KI also bekommen. Sie macht nur keine Chatbots. Sie macht Zielerfassung.

Die alte Industrie macht es vor. Rheinmetall produziert inzwischen mehr Artilleriemunition als die USA, sagt Konzernchef Armin Papperger (Newsweek). 1,1 Millionen Granaten im Jahr, von vorher 70.000. Laut eigener Prognose wächst der Konzern 2026 um rund 40 Prozent. Und am 3. Juni hat Rheinmetall den Schlussstrich unter sein Autogeschäft gezogen. Die zivile Autosparte Power Systems, rund 6.250 Mitarbeiter und 2 Milliarden Euro Umsatz, geht für 350 Millionen Euro an den Investor Aequita (Rheinmetall). Autoteile raus, Munition rein. Im selben Konzern, in derselben Woche.

Und die Autobauer ziehen nach. Mercedes-Chef Ola Källenius sagt, man sei „bereit", eine „positive Rolle" in der europäischen Aufrüstung zu spielen (Euronews). Volkswagen prüft dasselbe. Der deutsch-französische Panzerbauer KNDS verhandelt bereits über die Übernahme eines Mercedes-Werks bei Berlin. Die Hallen stehen, die Bänder laufen. Nur das Produkt ändert sich.

Denn das alte Produkt verkauft sich nicht mehr. ZF streicht bis 2028 bis zu 14.000 Stellen in Deutschland, Bosch bis 2030 bis zu 25.000, Continental über 7.000 plus 3.000 in der Forschung. Volkswagen meldet fürs erste Quartal 2026 gut 2 Prozent weniger Umsatz und 14 Prozent weniger operativen Gewinn, in China gehen die Verkäufe um 15 Prozent zurück (CNBC). Die Beschäftigung der Branche steht auf dem tiefsten Stand seit Jahren, gut 720.000, und sinkt weiter.

Ein Bild fasst den Umbau zusammen. Schon im März hat Rheinmetall ein Berliner Werk umgerüstet, in dem vorher Motorpumpen und Ventile liefen. Heute kommen dort Stahlkörper für 155-Millimeter-Granaten vom Band (The Defense Post). Dieselbe Halle, dieselben Hände, anderes Produkt.

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Das ist das ehrlichste Bild des Jahres, und es ist düsterer, als der Rheinmetall-Kurs vermuten lässt. Ein Auto wird gebaut, verkauft, fünfzehn Jahre gefahren, gewartet, weiterverkauft. Es wirft Wertschöpfung ab, wieder und wieder. Eine Granate wird einmal verschossen und ist weg. Das ist nicht nur Moral, das ist Ökonomie. Rüstungsausgaben haben einen Multiplikator von etwa eins oder darunter und verdrängen produktive Investitionen, statt sie anzustoßen (Mercatus, IMF). Deutschland tauscht also gerade eine Industrie, die sich verzinst, gegen eine, die sich verbraucht. Und nennt es Aufschwung. Ein volles Auftragsbuch bei Rheinmetall ist kein Konjunkturindikator. Es ist ein Angstindikator. Wer den Rüstungsboom für eine industrielle Renaissance hält, verwechselt eine Notlage mit einer Strategie.

Drei Ängste. Eine Konjunktur. Anthropic verkauft die Angst vor der eigenen KI. Der Ölmarkt verkauft die Angst, dass Hormuz zubleibt. Deutschland verkauft Waffen, weil es die Autos nicht mehr verkauft. Wo Rendite, Deal oder Substanz fehlen, springt die Angst ein. Sie ist 2026 das verlässlichste Geschäftsmodell der Welt. Wer die Angst kauft, sollte wenigstens wissen, wer daran verdient.

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— Stephan


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Stephan Baier

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