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Alles auf KI. Wo bleibt die Substanz?

Überflutet. Abgebrochen. Verbrannt.

· 8 Min Lesezeit
Alles auf KI. Wo bleibt die Substanz?

Wir könnten heute über Politik reden. Friedrich Merz baut sein Kabinett um, und ausgerechnet der Mann, der jetzt Gesundheitsminister werden soll, hat vor gar nicht langer Zeit noch öffentlich gezweifelt, ob er der Richtige dafür ist. »Höllenrespekt«, sagt Carsten Linnemann selbst über den neuen Job. Beruhigend.

Oder wir könnten über Südeuropa reden, wo gerade so viel brennt wie kaum je zuvor. Allein in Frankreich sind dieses Jahr fast 100.000 Hektar verbrannt, rund um Bordeaux mussten 150.000 Menschen raus, und in Spanien läuft seit dem 20. Juli einer der größten je erfassten Waldbrände des Landes.

Machen wir alles nicht. Heute gehen wir bewusst einen anderen Weg. Kein Tagesgeschäft, sondern ein Deep Dive. Zu der einen Sache, die dieses Jahr über jeder Schlagzeile schwebt. KI ist überall. In deinem Feed, in jeder Vorstandssitzung, in jeder Bilanz. Nur an einer Stelle noch nicht: beim Ergebnis. Drei Zahlen erzählen das ganze Jahr. 57,5 Prozent. Über 40 Prozent. Minus 5,9 Milliarden. Fangen wir oben an.

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Das Internet ist tot. Und diesmal ist es keine Verschwörung.

Es gibt seit den 2010ern eine Theorie, die lange in dunklen Foren-Ecken hing: die Dead-Internet-Theory. Der Verdacht, dass das Netz längst nicht mehr von Menschen bevölkert wird, sondern von Bots, Skripten und automatisch erzeugtem Inhalt. Zwei Forscher der University of New South Wales haben das 2024 noch als »unheimliche Behauptung« abgeräumt (UNSW). Aus der Verschwörung ist inzwischen ein Messwert geworden.

Im Juni 2026 hat der Infrastruktur-Riese Cloudflare, über den ein großer Teil des Web-Traffics läuft, zum ersten Mal überhaupt gemeldet: Der automatisierte Verkehr hat den menschlichen überholt. 57,5 Prozent der Anfragen kamen von Maschinen, nur noch 42,5 Prozent von echten Menschen (Cloudflare). Das ist kein Malware-Alarm, das sind zu einem großen Teil KI-Crawler und Agenten, die für die großen Modelle das Netz absaugen. Deren Anteil allein ist binnen eines Jahres von 22 auf 52 Prozent gesprungen.

Cloudflare steht dabei nicht allein. Der »Bad Bot Report« von Thales zählte schon 2025 53 Prozent Bot-Traffic, rund 40 Prozent davon bösartig (Thales). Und auf der Inhaltsseite sieht es nicht anders aus: Von 900.000 frisch veröffentlichten Webseiten enthielten 74 Prozent KI-generierten Text (Ahrefs). Rein maschinell ist davon zwar erst ein kleiner Teil, der Rest ist Mensch-plus-Maschine, aber die reine Handarbeit ist schon die Ausnahme. Die Sicherheitsfirma Human Security setzt den Schlusspunkt: Der Traffic von KI-Agenten ist in einem Jahr um 7.851 Prozent gewachsen (Human Security). Der KI-Jesus mit den sechs Fingern, der auf Facebook massenhaft Likes von Konten kassiert, die selbst keine Menschen sind, ist kein Witz mehr. Er ist der Normalzustand.

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Und dann willst du damit Geld verdienen.

Wenn das Netz vor KI überläuft, will natürlich jeder Vorstand ein Stück davon. Das Zauberwort heißt »KI-Agent«: Software, die Aufgaben selbstständig erledigt, statt nur Texte auszuspucken. Und hier trifft der Hype zum ersten Mal hart auf den Boden.

Die Analysten von Gartner haben es im Juni letzten Jahres in einen Satz gegossen, der seitdem in jeder ehrlichen Strategierunde hängt: Über 40 Prozent aller agentenbasierten KI-Projekte werden bis Ende 2027 abgebrochen, wegen »eskalierender Kosten, unklaren Geschäftswerts oder unzureichender Risikokontrollen« (Gartner). Gartner nennt auch den Grund für den ganzen Lärm beim Namen: »Agent Washing«. Von tausenden Anbietern, die sich das Etikett anheften, sind vielleicht 130 echte. Und das MIT geht in einer Studie vom Sommer noch brutaler ran: 95 Prozent der Organisationen, die in generative KI investieren, holen bislang null messbaren Ertrag heraus (MIT Project NANDA). Nicht die Hälfte. Fünfundneunzig Prozent.

Warum sterben diese Projekte? Drei Mechaniken, jede davon banal, zusammen tödlich. Erstens die Kosten: Ein Agent arbeitet in Schleifen, eine einzige Aufgabe feuert nicht einen, sondern dutzende Modell-Aufrufe ab. Die Rechnung wächst nicht, sie explodiert. Zweitens die Verlässlichkeit, und das ist reine Mathematik. Ein Arbeitsschritt, der zu 90 Prozent klappt, klingt super. Häng zehn davon hintereinander, und du landest bei 35 Prozent (0,9 hoch 10), weil sich jeder Fehler auf den nächsten stapelt. Drittens, und das ist der eigentliche Killer: Das Modell rennt schneller als dein Projekt. Du planst einen Sechs-Monats-Bau, steckst drei Monate in Konzeption, Sicherheit und Abstimmung mit dem Vorstand, und dann kommt das nächste Frontier-Modell und kann all das ab Werk. Dein Projekt ist tot, bevor es live geht.

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Selbst Google blutet jetzt.

Wenn keiner kassiert, wer zahlt dann? Alle, die die Schaufeln verkaufen. Und selbst der reichste Schaufelverkäufer der Welt hat es diese Woche zum ersten Mal gespürt.

Am 22. Juli legte Alphabet, der Google-Konzern, seine Quartalszahlen vor. Von oben betrachtet ein Monster: Umsatz 119,8 Milliarden Dollar, plus 24 Prozent, die Cloud-Sparte allein plus 82 Prozent (Alphabet Q2). Und trotzdem stand am Ende etwas, das es bei Google noch nie gab: Der freie Cashflow kippte ins Minus, minus 5,9 Milliarden Dollar im Quartal.

Der Grund steht eine Zeile darüber. Die Investitionen sind auf 44,9 Milliarden Dollar in einem einzigen Quartal hochgeschossen, fast alles in KI-Infrastruktur, und haben damit die 39,1 Milliarden überrannt, die das Geschäft überhaupt erwirtschaftet hat. Google hat die Investitionsplanung fürs Gesamtjahr auf 195 bis 205 Milliarden Dollar angehoben und angekündigt, 2027 werde noch teurer. Und Google ist kein Einzelfall: Zusammengerechnet stecken die großen Rechenzentrums-Konzerne dieses Jahr weit über 600 Milliarden Dollar in KI, manche Schätzungen liegen näher an 700. Meta, Microsoft und Amazon legen nächste Woche ihre Zahlen vor. Es wird dieselbe Kurve sein.

Drei Zahlen, ein Muster. Das Internet ist voll von KI, aber die Menge ist kein Wert. Die Firmen wollen aus KI Ertrag machen, aber die meisten scheitern an der eigenen Struktur. Und die Konzerne, die alles darauf setzen, zahlen die Rechnung schon heute, während der Gewinn eine Fußnote in der Zukunft bleibt. Der Hype ist echt. Die Substanz ist noch unterwegs. Und der Abstand zwischen beidem ist genau der Ort, an dem dieses Jahr die teuersten Fehler gemacht werden.

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BoB liest du sonntags und hörst du mittwochs. BoB buchst du, wenn bei euch ein KI-Projekt läuft und keiner ausspricht, dass ihr gerade aufs Modell wettet statt auf die Struktur. Oder wenn im Vorstand die Capex-Frage im Raum steht, wie viel »all in« eure Bilanz eigentlich verträgt, und alle so tun, als wäre das keine. Keynote, Sparring, KI-Strategie-Sprint. Alles drei mit Zahlen statt Buzzwords.

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Wer den BoBletter weiterempfehlen will, leitet ihn einfach weiter oder schickt jemandem stephanbaier.de.

🎙 Diese Woche im Pod: Der Lack ist ab — drei Fassaden platzen: Spahns Doppelmoral, LinkedIn als KI-Bot-Bühne (passt zum Thema oben) und die Abnehmspritze, die zeigt, wie viel Konsum nie echtes Wollen war. Jeden Mittwoch neu: Spotify · alle Plattformen auf stephanbaier.de/podcast.

Bis nächsten Sonntag. Peace.

— Stephan


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