Business ohne Bullshit

17. Mai 2026 · 6 Min Lesezeit

Peking, 13. Mai.

Trump landet mit 14 Konzernchefs — erster US-Präsidentenbesuch in China seit fast einem Jahrzehnt. Jensen Huang ist dabei, obwohl er erst nicht auf der Liste stand: Trump rief ihn persönlich an, Huang flog nach Alaska und bestieg dort Air Force One. Zwei Tage Staatsbesuch. Xi sagt, China öffne sich weiter. Was rausgekommen ist: warme Worte, Nudelfotos — und kein einziger H200-Chip verkauft. Diese Woche schauen wir auf vier Geschichten. Alle vier hatten in Peking ein Gesicht.

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Amerika kontrolliert die KI nicht mehr.

Am Rande des Gipfels genehmigte die US-Regierung den Verkauf von Nvidia H200-Chips an zehn chinesische Firmen — Alibaba, Tencent, ByteDance, JD.com (CNBC). Je bis zu 75.000 Chips, mit 25 Prozent Umsatzbeteiligung an Washington. China lehnte ab. Beijing wies seine Firmen an, nicht zu kaufen (Benzinga). Trump auf Air Force One: Die Chinesen hätten "chose not to" — "they want to develop their own" (Tom's Hardware). Beijing hat längst eine Alternative.

Vor zwölf Monaten waren chinesische Open-Source-Modelle ein Witz. Heute sind sie der Markt. 41 Prozent aller HuggingFace-Downloads zwischen Februar 2025 und Februar 2026 stammen aus China. USA: 36,5 Prozent. Vor einem Jahr lag China bei einem Prozent (HuggingFace State of OS Spring 2026). Alibaba's Qwen-Familie hat über 700 Millionen Downloads und ist Basis für 113.000 Derivat-Modelle weltweit.

Das passiert nicht aus Open-Source-Idealismus. Der US-China Economic and Security Review Commission Report vom März 2026 nennt es Industriepolitik (USCC "Two Loops"). Peking subventioniert MIT- und Apache-lizenzierte Modelle, weil jede freie Lizenz eine US-API-Rechnung kannibalisiert. DeepSeek-V4 läuft mit 1 Million Kontext — und braucht dabei nur 27 Prozent der Inferenz-Rechenleistung der Vorgängerversion bei vergleichbarer Performance zu Claude Opus 4.6 und GPT-5.4. Cost-per-Token: ein Bruchteil. Kimi K2.6 von Moonshot schlägt beide auf SWE-Bench Pro (The-Decoder).

Die US-Sanktionen funktionieren nicht mehr als Bremse. Huawei skaliert den Ascend 910C — US-Briefings rechnen 2026 mit Millionen-Stückzahlen aus chinesischen Fabriken. Deshalb hat Washington im Januar 2026 den H200-Export wieder erlaubt — mit 25 Prozent Exportsteuer als Kompromiss (Tom's Hardware). Und deshalb sagt Peking seinen Firmen: kauft nicht. Eric Schmidt in Davos: Wenn Europa nicht massiv investiere, werde es am Ende chinesische Modelle nutzen (Bloomberg).

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Wer als deutscher Mittelständler oder DAX-CTO heute noch sein gesamtes KI-Setup auf eine US-API stellt, baut auf einer Kostenstruktur, die politisch und kommerziell in zwölf Monaten verschoben werden kann — von beiden Seiten. Wer auf US-Chips setzt, ist doppelt erpressbar: von Washington mit 25 Prozent Exportaufschlag und von Peking, das seinen eigenen Firmen sagt, nicht zu kaufen. Multi-Model-Routing ist nicht mehr Nice-to-have. Es ist Pflicht. Wer Qwen, DeepSeek oder GLM-5 nicht zumindest in der Architektur vorgesehen hat, wird 2027 die doppelte Cloud-Rechnung zahlen und ist erpressbar. China gewinnt gerade die Standardisierungsschlacht. Nicht mit besseren Produkten. Mit kostenlosen.

OpenAI kauft sich seine Glaubwürdigkeit.

Time schrieb am 15. Mai: KI sei "the elephant in the room" beim Trump-Xi-Gipfel (Time). Die USA haben die schnellsten Modelle. China hat die günstigsten. Auf die Preisfrage hatte niemand in der US-Delegation eine Antwort. Also verkauft OpenAI gerade nicht das Produkt — es verkauft das Narrativ. 341 Millionen Dollar an Verlage.

OpenAI hat 2024 und 2025 still und leise mindestens 341 Millionen Dollar an Verlage überwiesen. News Corp bekommt über 250 Millionen verteilt auf fünf Jahre, also Wall Street Journal, New York Post, The Times (Variety). Axel Springer kassiert einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr für Bild, Welt und Politico (Bloomberg). Dazu kommen Financial Times, Atlantic, Vox, Le Monde, Hearst, Condé Nast. Über 18 Verlags-Deals weltweit.

Apple zahlt für Verlagsinhalte bis heute null. Microsoft folgte widerwillig — zu wenig, zu spät. Das ist kein Branchenstandard. Das ist die Notbremse einer Firma, die 2025 9 Milliarden Dollar verbrannt hat bei 13,1 Milliarden Umsatz. Pro Dollar Einnahme gibt OpenAI 1,69 Dollar aus (Fortune).

Die Tabakindustrie hat das exakt gleiche Playbook gefahren. 1954 schaltete sie in 448 US-Zeitungen das berühmte "A Frank Statement to Cigarette Smokers", erreichte 43 Millionen Amerikaner und gründete ein eigenes Forschungsinstitut, um Zweifel an Krebsstudien zu säen. Ergebnis: Zigarettenverkauf stieg von 369 auf 488 Milliarden Stück in sieben Jahren. Nicht die Wissenschaft kaufen. Die Verbreiter der Wissenschaft kaufen.

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Hab das in der Beratung dutzende Male gesehen. CMO kommt rein, sagt: Wir brauchen mehr Storytelling. Drei Monate später liegt ein Sponsoring-Deck für 1,2 Millionen auf dem Tisch. Brand-Krise ist nie ein Storytelling-Problem. Es ist immer ein Produkt-Problem. Wer 1,69 Dollar ausgibt, um 1 Dollar zu verdienen, kauft sich keine Glaubwürdigkeit. Der kauft sich Zeit. Und Zeit lässt sich nicht verlängern, wenn der Verlust 2028 auf 74 Milliarden steigt.

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Studieren ist keine Versicherung mehr.

Cook (Apple), Musk (Tesla), Huang (Nvidia) flogen nach Peking, um Märkte für Produkte zu öffnen — Produkte, die Analyse, Recherche, Dokumentation und Junior-Consulting ersetzen. Die Berufe, für die 1,2 Millionen Deutsche gerade vier Jahre studieren. Im Boardroom: kein Absolvent, kein Praktikant, kein Junior-Analyst. Nur die, die diese Jobs automatisieren.

Aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: 335.000 arbeitslose Akademiker in Deutschland, plus 16 Prozent zum Vorjahr, höchster Stand seit Aufzeichnungsbeginn 2007 (Forschung & Lehre). Die Arbeitslosenquote von Akademikern liegt jetzt bei 3,3 Prozent. Bei Menschen mit Berufsausbildung: 3,6 Prozent (BA Akademiker-Statistik).

Klingt wie ein Vorsprung. Ist keiner. Der Vorsprung der Akademiker ist auf 0,3 Punkte zusammengeschmolzen. Vor zehn Jahren waren es noch über zwei Punkte. Die Akademiker-Quote ist allein in den letzten drei Jahren von 2,2 auf 3,3 Prozent gestiegen — plus 50 Prozent. Die Versicherungsprämie für vier Jahre Studiengebühren, Praktika und Warteschleife: statistisches Rauschen.

Die Realität der Absolventen ist noch härter. Master brauchen aktuell 21 Wochen bis zur ersten Jobzusage, Bachelor 13. 71 Prozent bekommen auf Bewerbungen gar keine Rückmeldung. Geisteswissenschaftler kratzen an 6,5 Prozent, Naturwissenschaftler an 9,6 Prozent Arbeitslosenquote. Im Handwerk dagegen: 250.000 offene Stellen, Vakanzzeiten von über 200 Tagen — mehr als doppelt so lang wie 2015 (Handwerksblatt).

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Die Boomer haben ihren Kindern erzählt: Studieren ist sicher, Handwerk ist Notlösung. Diese Versicherungspolice ist gerade ausgelaufen. KI frisst die Einstiegspositionen, die seit 30 Jahren BWLer und Wirtschaftsinformatiker aufgesogen haben. PowerPoint, Research, Slide-Decks bauen, Junior-Beratung. Das macht jetzt Claude in vier Sekunden. Die deutschen IT-Beratungen haben 2025 still Hunderte Stellen gestrichen, McKinsey halbiert die Junior-Pyramide, BCG genauso. Die Tür schließt sich vor dem Bewerbungsgespräch. Wer in den 80ern oder 90ern geboren ist, hat das letzte sichere Studium der Geschichte abgeschlossen. Alle danach: bitte neu rechnen.

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Huangs Rechnung geht nicht auf.

Am 20. März 2026, letzter Tag der Nvidia GTC, sagt Jensen Huang im All-In Podcast den Satz, den jetzt jeder Konzern-CIO zitiert. Jeder Engineer mit 500.000 Dollar Gehalt muss pro Jahr für 250.000 Dollar Tokens konsumieren. Sonst sei er, Huang, "deeply alarmed" (CNBC). Bei 42.000 Mitarbeitern landet Nvidias eigenes Token-Budget bei rund 2 Milliarden Dollar pro Jahr.

Fünf Tage später publiziert Gartner die Prognose, die Huangs Mathematik in der Luft zerreißt. Bis 2030 werden Token-Preise um über 90 Prozent fallen (Gartner). Epoch AI hat den Trend schon gemessen: GPT-3.5-Performance kostete im Oktober 2024 280-mal weniger als bei Release zwei Jahre vorher (Epoch AI).

Während die Token-Preise kollabieren, kollabiert das Subscriptions-Modell gleich mit. OpenAI, Anthropic, Google — alle testen gerade Consumption-based Pricing. Weg von Flat-Rate-Abo, hin zu Pay-per-Token. Für Unternehmen bedeutet das: Wer noch in Drei-Jahres-GPU-Verträgen oder Jahres-Flat-Subscriptions denkt, zahlt 2027 die doppelte Rechnung — für eine Kapazität, die er nie ausschöpft.

Trotzdem planen allein Microsoft, Amazon, Google und Meta für 2026 zusammen 725 Milliarden Dollar CapEx, plus 77 Prozent gegenüber dem 2025er Rekord (Tom's Hardware). Die durchschnittliche GPU-Auslastung in Enterprises: 5 Prozent.

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Wer 2025 Drei-Jahres-Reserved-GPU-Verträge auf der alten Preiskurve geschlossen hat, sitzt jetzt auf der vierfachen Marktrechnung. Was du als CFO eines deutschen Mittelständlers daraus lernst: Verträge nie länger als zwölf Monate. Pay-per-Token statt Pay-per-GPU. Multi-Provider, damit du im Verhandlungstermin DeepSeek als Drohung in der Hosentasche hast. Token-Budget als OpEx pro Team, nicht als CapEx-Antrag. Huang braucht den 250k-Konsum, weil seine GPU-Margen ihn brauchen. Du brauchst ihn nicht.

Huang nannte den Gipfel "one of the most important summits in human history" — flog nach Alaska, um auf Air Force One zu kommen, kam zurück. Kein einziger H200 verkauft. China: Brauchen wir nicht. Nvidias Aktie: minus drei Prozent. Am Tag nach dem Gipfel fotografierten ihn Passanten beim Nudelessen in einem Pekinger Hutong (CNBC). Das war kein Sightseeing. Das war das Ende seiner Woche — zusammengefasst in einem Bild.

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Was dahinter steckt

Vier Lügen, ein Datum: 13. Mai 2026, Peking. Ein Land sagte nein zu den teuersten Chips der Welt — und kaufte sich damit aus der teuersten Abhängigkeit der Welt frei. Eine Firma überweist Hunderte Millionen, weil ihr Produkt den Preiskampf verliert. Eine Generation studiert vier Jahre für Jobs, die im Boardroom gerade verhandelt werden. Und ein CEO, der nach Alaska geflogen ist, um auf Air Force One zu kommen, schlürfte am Ende Nudelsuppe in einem Pekinger Hutong.

Das war kein Gipfeltreffen. Das war ein Zeugnis. Und die Aussage ist klar: Der Elefant im Raum heißt KI. Amerika verkauft das Narrativ. China baut die Infrastruktur.

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— Stephan


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Stephan Baier

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