Business ohne Bullshit

12. April 2026 · 7 Min Lesezeit

9.000 Stunden. 2 Millionen Euro. Für Kernaufgaben.

Am 31. März hat Katherina Reiche, Bundeswirtschaftsministerin, eine Ausschreibung veröffentlicht. Titel: "Rahmenvereinbarung Strategische Top-Management-Beratung BMWE". Volumen: 9.000 Beraterstunden pro Jahr. Bei Stundensätzen bis 600 Euro ergeben sich daraus kalkulierte Kosten von rund 2 Millionen Euro. 60 bis 75 Prozent der Arbeit sollen von Partner- und Senior-Level erbracht werden. Also den Teuersten.

Die Aufgaben laut Ausschreibung: Rohstoffsicherheit. Zukunftstechnologien. Industrielle Transformation. Also exakt das, wofür es das Wirtschaftsministerium überhaupt gibt.

Bewerbungsfrist: 14 Tage. Über Osterfeiertage. Von Experten als außerordentlich knapp kritisiert.

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Der Staat kauft. Die Berater sterben.

Während das Wirtschaftsministerium Top-Management-Beratung für seine Kernaufgaben einkauft, erlebt die Branche, die das liefern soll, gerade den schärfsten Strukturbruch ihrer Geschichte.

  • McKinsey: 5.000 Stellen abgebaut in 18 Monaten. Minus 10 Prozent Headcount. Der größte Rückgang in der Firmengeschichte. Offiziell heißt es nicht "Layoffs". Offiziell heißt es "Attrition und Performance Management".
  • Accenture: 11.000 Entlassungen. Offizielle Begründung von CEO Julie Sweet: Die Umschulung dieser Mitarbeiter auf KI sei "not a viable path". Parallel 865 Millionen Dollar in KI-Restrukturierung investiert.
  • BDU Facts & Figures 2026: Der deutsche Beratermarkt wächst 2025 um 0,5 Prozent auf 49 Milliarden Euro. Knapp unter der 50-Milliarden-Marke. Tagessätze erstmals seit Jahren rückläufig, minus 2 Prozent.
  • Lilli, McKinseys interner KI-Assistent, ist bei 72 Prozent der Belegschaft im Einsatz und spart 30 Prozent Research-Zeit. Übersetzt: 30 Prozent weniger fakturierbare Tagessätze.

Und genau in dieser Branche ist der deutsche öffentliche Sektor laut BDU-Prognose der dynamischste Wachstumstreiber 2026: +6,1 Prozent erwartet. Während McKinsey abbaut, während Accenture Mitarbeiter feuert, deren Umschulung auf KI laut Sweet "not a viable path" sei, während die Tagessätze fallen, schreibt das Wirtschaftsministerium neue Großaufträge aus.

Zur Einordnung: Die Bundesregierung hat 2023 laut Bundesrechnungshof 240 Millionen Euro für externe Berater ausgegeben. Plus 39 Prozent gegenüber 2020. Wirtschaftsprofessor Thomas Deelmann (HSPV NRW) schätzt, dass täglich 2.600 Berater für den Bund aktiv sind. Ein Drittel der Aufträge läuft ohne Ausschreibung. Bei einem weiteren Drittel wird der Name der Beratungsfirma im Bericht nicht genannt. Der Koalitionsvertrag 2025 hat eine Reduktion versprochen. Elf Monate später publiziert Reiche ihre rund zwei Millionen teure Ausschreibung.

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Der Staat alimentiert ein Geschäftsmodell genau dann am stärksten, wenn es selbst stirbt. Das Ministerium verliert die Kompetenz für seine Kernaufgaben und kauft sie extern zurück. Die Rechnung zahlt der Steuerzahler. Und wenn in drei Jahren niemand mehr das Haus von innen betreiben kann, ist die Abhängigkeit vollständig. Nicht als Plan. Als Ergebnis.

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"If that $500,000 engineer did not consume at least $250,000 worth of tokens..."

Das ist kein Zitat aus einem dystopischen Roman. Das ist Jensen Huang, CEO von Nvidia, während der GTC 2026 Mitte März. Auf dem All-In Podcast sagt er:

"If that $500,000 engineer did not consume at least $250,000 worth of tokens, I'm going to be deeply alarmed."

Und in seiner GTC-Keynote legt er nach: Er wolle seinen Engineers "probably half of that on top of it as tokens" geben, "so that they could be amplified 10X".

Übersetzt: Wenn ein Engineer 500.000 Dollar Gehalt bezieht und im Jahr nicht für mindestens 250.000 Dollar an Tokens verbrennt, ist Huang "zutiefst beunruhigt". Er will Engineers ein halbes Gehalt on top geben. In Tokens. Damit sie sich "10X verstärken".

Das ist noch keine HR-Policy. Noch nicht. Aber es ist die Vision, die der Chef des Unternehmens formuliert, dessen Chips die Tokens überhaupt produzieren. Und Huang ist nicht allein.

Tomasz Tunguz, Partner bei Theory Ventures, schrieb am 17. Februar von einer vierten Komponente der Engineering-Compensation: Gehalt. Bonus. Options. Inference Costs. Bei einem 75th-Percentile-Engineer rechnet er mit 375.000 Dollar Gehalt plus 100.000 Dollar Inference. Fully loaded: 475.000.

Box-CEO Aaron Levie im März: Jedes Unternehmen werde künftig "für Compute budgetieren müssen", so wie früher für Reisekosten.

Soweit die eine Seite der Rechnung.

Und dann die andere.

Am 25. März hat Gartner eine Prognose veröffentlicht: Bis 2030 werden die Inference-Kosten für 1-Billionen-Parameter-Modelle um mehr als 90 Prozent fallen. a16z hat für den Zeitraum 2023 bis 2024 bereits einen 10-fachen Preisverfall pro Jahr dokumentiert. GPT-4 kostete bei Launch im März 2023 60 Dollar pro Million Output-Tokens. Vergleichbare Open-Source-Modelle liegen heute bei unter 50 Cent. DeepSeek V4 kommt angeblich mit 1 Billion Parametern unter Apache-2.0-Lizenz bei 30 Cent Input, 50 Cent Output.

Will Sommer, Senior Director Analyst bei Gartner, liefert den Satz, auf den es ankommt:

"CPOs should not confuse the deflation of commodity tokens with the democratization of frontier reasoning. As commoditized intelligence trends toward near-zero cost, the compute and systems needed to support advanced reasoning remain scarce."

Die Basismodelle werden gratis. Die Spitzenmodelle bleiben teuer. Und genau dort sitzen die Labore, die gerade die Abo-Gates hochziehen. Claude Max: 200 Dollar im Monat. Cursor Ultra: 200 Dollar. ChatGPT Pro: 200 Dollar, plus ein neues Codex-Pro-Tier für 100 Dollar, das OpenAI am 9. April nachgeschoben hat. Drei Tage zuvor hatte Anthropic einen 3,5-Gigawatt-TPU-Deal mit Google und Broadcom bekannt gegeben. Bei 30 Milliarden Dollar annualisiertem Umsatz. Die Labore sichern sich Compute für Jahre im Voraus und konvertieren dich gleichzeitig vom Pay-per-Token-Modell ins Flatrate-Abo mit künstlichem Rate Limit.

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Saubere Arbitrage. Unternehmen budgetieren Tokens als knappes Gut, genau dann, wenn der Markt sie entwertet. Der Preis für vergleichbare Fähigkeiten fällt um Faktor 10 pro Jahr. Die Labore wissen es und retten sich ins Abo-Gate. Die Unternehmen wissen es nicht und zahlen Enterprise-Tarife für Dinge, die in zwei Jahren Commodity sind. Das Maximum ist nicht dort, wo Huang es preist. Es ist dort, wo der Preis zuerst landet.

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96 Stunden.

Am Abend des 7. April verkündet Donald Trump einen zweiwöchigen Waffenstillstand mit Iran. Vermittelt von Pakistan. Stunden bevor seine eigene Ultimatum-Deadline ablief. Die Bedingung: Iran öffnet die Straße von Hormus.

Die Märkte feiern. WTI-Rohöl bricht um 16,4 Prozent auf 94,41 Dollar pro Barrel ein. Der größte Tagesverlust seit 2020. Brent verliert 13,3 Prozent. Der S&P 500 hat seine beste Woche seit November 2025. Nvidia legt mit der Ceasefire-Rallye zu.

Dann vergehen vier Tage.

08. April. Iran trifft die Saudi East-West-Pipeline. Die Ost-West-Leitung ist die zentrale Umgehungsroute, über die Saudi-Arabien sein Öl am Persischen Golf vorbei zum Roten Meer transportiert. Bloomberg berichtet: Saudi-Förderkapazität um 600.000 Barrel pro Tag reduziert. Stunden nach dem Waffenstillstand.

09. April. Hormuz bleibt dicht. Iran kassiert Durchfahrts-Tolls von über einer Million Dollar pro Schiff. Die offizielle Begründung des Regimes: Israels fortgesetzte Angriffe auf den Libanon seien eine Vertragsverletzung durch die US-Seite. Also gilt der Waffenstillstand für Iran nicht mehr.

11. April. JD Vance, Steve Witkoff und Jared Kushner fliegen nach Islamabad. Erste direkte Face-to-Face-Gespräche zwischen USA und Iran in diesem Konflikt. Stundenlange Verhandlungen. Vance verlässt den Raum ohne Ergebnis. Seine Kernaussagen aus der Pressekonferenz: "We have not reached an agreement." Und: "The Iranians have chosen not to accept our terms."

Parallel fahren US-Navy-Zerstörer erstmals seit Kriegsbeginn in die Straße von Hormus ein. Die IRGC droht, "hart" mit ihnen zu verfahren.

12. April, heute. Hormuz: weiterhin dicht. Saudi-Pipeline: beschädigt. Ceasefire: formal noch in Kraft, faktisch obsolet. Ölpreis: 35 Prozent über dem Vorkriegsniveau.

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96 Stunden. Die kürzeste Halbwertszeit eines Friedens im modernen Nahost. Und sie beweisen, was die Märkte nicht wahrhaben wollen: Iran führt keinen konventionellen Krieg, den man mit Verhandlungen beenden kann. Iran führt asymmetrische Wirtschaftskriegsführung. Jeder Waffenstillstand kauft ein paar Tage Ölpreis-Rabatt. Nicht mehr.

Drei Rechnungen. Drei Paradoxe. Eine Woche.

Reiche kauft ein Geschäftsmodell, das gerade stirbt. Huang preist eine Ressource, die der Markt entwertet. Trump kauft Zeit in einem Konflikt, in dem Zeit die einzige unverhandelbare Ressource ist.

Kompetenz. Produktivität. Kontrolle. Drei Dinge, die sich nicht kaufen lassen. Drei Männer, die es trotzdem versuchen. Die Rechnung dafür bezahlt am Ende jemand anders.

Du hast ein Thema, das dich umtreibt? Schreib mir direkt: baierstephan@gmail.com

Den Business ohne Bullshit Newsletter gibt es jede Woche. Peace.

— Stephan


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Stephan Baier

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