Business ohne Bullshit

5. April 2026 · 7 Min Lesezeit

30.000 per E-Mail. Um 6 Uhr morgens.

Am Dienstag hat Oracle 20.000 bis 30.000 Mitarbeiter entlassen. Per E-Mail. Um 6 Uhr morgens Ortszeit. Erst wurde der VPN gesperrt, dann Slack. Dann kam die Nachricht.

Ein 20-Jahres-Veteran fasst die Mail zusammen: "Thank you. Go f*** yourself."

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Das größte Layoff in Oracles Geschichte.

30.000 Stellen. 18% der Belegschaft. 12.000 davon allein in Indien. Und Oracle läuft gut. Richtig gut.

Die Zahlen aus dem letzten Quartal:

  • Umsatz: $17,2 Mrd. (+22% zum Vorjahr)
  • Cloud-Umsatz: $8,9 Mrd. (+44%)
  • Nettogewinn: $6,1 Mrd. im Vorquartal (~95%)
  • Auftragsbestand: 553 Milliarden Dollar (+325%)

Oracle feuert nicht, weil es schlecht läuft. Oracle feuert, weil Larry Ellison das Geld woanders hinstecken will: Rechenzentren.

$50 Milliarden CapEx in diesem Jahr. $156 Milliarden in Infrastruktur-Commitments insgesamt. Das "Stargate"-Projekt in Texas mit OpenAI und SoftBank: 450.000 Nvidia GPUs, 1,2 Gigawatt Strom, 8 Gebäude.

Ellison sagt es offen auf dem Earnings Call: "Build more software in less time with fewer people."

Die Wall Street? Hat die Entlassungen gefeiert. Aktie +6% am Tag der Ankündigung.

Was die Betroffenen verloren haben: Alle unvested Restricted Stock Units (RSUs) sind sofort verfallen. Langfristige Mitarbeiter mit großen Aktienpaketen haben über Nacht hunderttausende Dollar verloren. Severance: 4 Wochen Grundgehalt plus 1 Woche pro Betriebsjahr. Gedeckelt bei 26 Wochen. 20 Jahre Loyalität = 24 Wochen.

Und während Oracle 30.000 Leute entlässt, hat das Unternehmen über 3.100 neue H-1B-Visa beantragt. Amerikanische Mitarbeiter raus, günstigere ausländische Fachkräfte rein. Business as usual.

Business ohne Bullshit Take

Oracle ersetzt menschliches Kapital durch Rechenkapital. 30.000 Menschen raus, 156 Milliarden in Maschinen rein. Und die Aktie steigt. Das ist kein Ausrutscher. Das ist das neue Playbook. Larry Ellison, 81 Jahre alt, geschätztes Vermögen von rund 200 Milliarden Dollar (im Peak 2025: 393 Milliarden), findet, man brauche künftig "weniger Leute". Vermutlich meint er alle. Außer sich selbst.

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Hormuz: Woche 5. Und kein Ende in Sicht.

Die Straße von Hormus ist seit über fünf Wochen blockiert. Der maritime Verkehr durch die Meerenge ist um 98% eingebrochen. 170 Containerschiffe stecken fest. 20% des weltweiten Seehandels mit Öl stehen still.

Das ist die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts. Das sagt nicht Business ohne Bullshit. Das sagt die Internationale Energieagentur (IEA).

Die Preise:

  • Brent-Rohöl: $112 pro Barrel. Physischer Spotpreis am 2. April: $141,36. Höchster Stand seit 2008.
  • Diesel Deutschland: über 2,29 Euro pro Liter (+26%)
  • Benzin (E10): über 2,08 Euro pro Liter (+15%)
  • Erdgas (TTF): zeitweise über 60 Euro/MWh, aktuell ~50 Euro

Aber Öl ist nur ein Teil der Geschichte.

Helium. Katar liefert ein Drittel des weltweiten Heliums. Die iranischen Angriffe auf die Ras-Laffan-Industriestadt haben 17% der katarischen LNG-Kapazität beschädigt. Reparaturen: 3 bis 5 Jahre. Helium-Spotpreise: +40 bis 100%. Ohne Helium keine Halbleiter. Asiatische Chip-Fabriken haben laut Analysten Vorräte für zwei Wochen.

Düngemittel. Die Golfregion produziert rund ein Drittel des weltweiten Harnstoffs und 30% des Ammoniaks. Harnstoffpreise: +50% seit Kriegsbeginn. Was das heißt: Lebensmittel werden teurer. Nicht morgen. In drei bis sechs Monaten.

Südostasien. 700 Millionen Menschen in der ASEAN-Region beziehen den Großteil ihres Öls und Gases durch die Straße von Hormus. Vietnam Airlines streicht Dutzende Inlandsflüge wegen Kerosinmangel. Thailand schickt Beamte ins Homeoffice. Singapur hat Probleme, Schiffstreibstoff zu beschaffen.

Europa. Slowenien hat als erstes EU-Land Treibstoff rationiert: 50 Liter Kraftstoff pro Person pro Tag. EU-Energiekommissar Dan Jorgensen: "This will be a long crisis. Energy prices will be high for a very long time." Die EU bereitet sich auf Worst-Case-Szenarien vor. Inklusive Kerosin- und Diesel-Rationierung.

Deutschland. Die Wachstumsprognose für 2026 wurde halbiert: von 1,3% auf 0,6%. Das ifo-Institut rechnet mit 100.000 weniger Arbeitsplätzen in 2026. Chemie- und Stahlhersteller erheben Aufschläge von bis zu 30%.

Und dann hat Iran das AWS-Rechenzentrum in Bahrain mit Drohnen angegriffen. Am 1. März. Und nochmal am 24. März. Amazon hat die komplette Region für einen Monat kostenlos geschaltet und Kunden aufgefordert, ihre Workloads rauszumigrieren. Banking-Apps, Payment-Systeme, Enterprise-Software im gesamten Golf: offline.

Die IRGC-Begründung: AWS hostet KI-Systeme für das US-Militär. Deshalb legitimes Ziel.

Dann, am 31. März, die nächste Eskalation: Die IRGC hat 18 US-Unternehmen zu militärischen Zielen erklärt. Microsoft. Apple. Google. Meta. Amazon. Nvidia. Oracle. Tesla. Boeing. JPMorgan. Palantir. Und weitere. Mitarbeiter im Golf wurden aufgefordert, sofort zu evakuieren.

Das ist kein konventioneller Krieg mehr. Das ist asymmetrische Wirtschaftskriegsführung. Iran greift nicht die US-Armee an. Iran greift die US-Wirtschaft an. Rechenzentren. Lieferketten. Ölinfrastruktur. Und aus Irans Perspektive funktioniert es.

In Washington? Trump bekommt sein tägliches Iran-Briefing als zweiminütiges Video. NBC News beschreibt es als "national intelligence in the form of Instagram Reels". Ein General wurde gefeuert, weil seine Behörde einschätzte, die Luftangriffe hätten Irans Atomprogramm nur um "ein paar Monate" zurückgeworfen. Passte nicht zur Präsidenten-Meinung. Laut AP-NORC sagen 60% der Amerikaner, die Militäraktion sei "zu weit gegangen". Selbst unter Republikanern lehnt eine Mehrheit Bodentruppen ab. GOP-Stratege Neil Newhouse: "You're looking at an ugly November."

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Iran macht aus seiner Sicht alles richtig. Asymmetrischer Krieg. Kein Versuch, die US-Armee konventionell zu schlagen. Stattdessen: Wirtschaftsinfrastruktur zerstören. Hormuz dichtmachen. Rechenzentren angreifen. 18 US-Konzerne zu Zielen erklären. Die Botschaft: Solange ihr hier seid, wird es teuer. Und Trump kann sich das innenpolitisch nicht leisten. 60% der eigenen Bevölkerung sind dagegen, die Midterms kommen, die Benzinpreise explodieren. Wenn die USA jetzt früher abziehen als geplant, erweitert Iran seinen Einflussbereich massiv. Die Machtverschiebung Richtung Asien beschleunigt sich. Und die globalen Lieferketten? Werden noch fragiler als sie es ohnehin schon sind. Das eskaliert weiter.

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Das LLM-Rennen wird zum Geräte-Krieg.

OpenAI hat diese Woche TBPN gekauft. Einen Tech-Talk-YouTube-Kanal mit knapp 60.000 Subscribern. Anthropic hat Coefficient Bio übernommen, ein 8 Monate altes Biotech-Startup mit weniger als 10 Mitarbeitern. Für $400 Millionen.

Klingt absurd? Ist es. Aber es zeigt, wohin das Geld fließt: Nicht in bessere Modelle. Sondern in Anwendungen, Verticals und Distribution.

Denn das Basismodell wird zur Ware.

Die Zahlen sprechen für sich:

  • Open Source schließt die Lücke: Der Rückstand zu proprietären Modellen liegt bei unter einem halben Jahr für die meisten Anwendungen. DeepSeek V4 soll mit 1 Billion Parametern unter Apache-2.0-Lizenz kommen.
  • Marktverschiebung: Chinesische Open-Source-Modelle sind von 1,2% auf 30% des globalen Einsatzes gestiegen. Open-Source-Adoption wächst um 340% pro Jahr.
  • Preise: Sub-$1 pro Million Tokens für GPT-4-Klasse. Gartner prognostiziert: Bis 2030 fallen Inferenzkosten für Trillion-Parameter-Modelle um über 90%.

Was bedeutet das? Die Frage ist nicht mehr: Wer hat das beste Modell? Sondern: Wer hat die beste Oberfläche, die besten Integrationen, die besten Anwendungen?

Und hier wird es interessant.

Microsoft hat diese Woche "Copilot Cowork" gelauncht. Sein neues Flagship-Produkt für agentenbasiertes Arbeiten über alle Office-Apps hinweg. Und worauf läuft Copilot Cowork? Auf Claude. Von Anthropic. Nicht auf OpenAI. Microsofts eigenes Aushängeschild läuft auf dem Modell der Konkurrenz. Weil es besser funktioniert.

Anthropic gewinnt laut Ramp-Daten 70% der Erstkäufer-Ausgaben im direkten Vergleich mit OpenAI. Jedes vierte Unternehmen nutzt inzwischen Anthropic. Vor einem Jahr war es jedes 25.

OpenAI kauft dafür Hardware. Die Jony-Ive-Firma io für $6,5 Milliarden. Ziel: 100 Millionen AI-native Endgeräte bis Ende 2026. Samsung will 800 Millionen Gemini-Geräte ausliefern. Apple arbeitet an einem wearable in AirTag-Größe mit Kamera und Mikrofon.

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Das LLM-Rennen ist vorbei. Das Modell wird zur Commodity. Was jetzt entscheidet: die Anwendung. Die Oberfläche. Und das Endgerät. Wer das nächste AI-native Device baut, das Menschen tatsächlich benutzen wollen, gewinnt. Nicht wer das 50. Benchmark dominiert. OpenAI hat das begriffen und kauft Hardware und Medien. Anthropic hat das begriffen und gewinnt Enterprise-Deals. Die nächste Endgeräte-Generation wird das Rennen entscheiden. Nicht das nächste Modell.

Du hast ein Thema, das dich umtreibt? Schreib mir direkt: baierstephan@gmail.com

Den Business ohne Bullshit Newsletter gibt es ab jetzt jede Woche. Peace.

— Stephan


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Stephan Baier

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