Business ohne Bullshit

10. Mai 2026 · 6 Min Lesezeit

Diese Woche schließen drei Türen gleichzeitig. Microsoft schickt zum ersten Mal in 51 Jahren freiwillig Mitarbeiter nach Hause. Brüssel klagt Meta an, weil das Unternehmen 13-Jährige nicht draußen hält. Und Saudi-Arabien hat Donald Trump aus seiner eigenen Hormuz-Operation ausgesperrt. Drei mal Nein, in drei verschiedenen Sprachen.

Aussperrung 1: Microsoft schickt seine eigenen Leute heim.

Am 23. April liest Microsoft-CFO Amy Hood im Earnings Call eine Zahl vor, die in 51 Jahren Firmengeschichte noch nie gefallen ist. 8.750 freiwillige Buyouts. Programmkosten: 900 Millionen Dollar. Ihr Tonfall: als wäre es ein Tagesordnungspunkt. Was Bill Gates und Steve Ballmer in 51 Jahren nie gemacht haben, macht Satya Nadella in einem Quartal (CNBC).

Der Grund steht zwei Folien später. 725 Milliarden Dollar Capex für 2026 bei Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta zusammen, plus 77 Prozent gegenüber Vorjahr. Geld für Chips, Kühlung, Strom. Es muss woanders hergeholt werden. Die einzige Position, an der man im laufenden Quartal noch reißen kann, sind die Gehälter. Also reißt man dort.

Microsoft ist nicht allein. Amazon hat in Q1 16.000 Stellen gestrichen, Meta ab dem 20. Mai weitere 8.000, Nike letzte Woche 1.400. In Summe über 100.000 Tech-Stellen seit Jahresbeginn 2026. Was 2024 noch als Korrektur galt, läuft jetzt als Standard.

Der Punkt, den kein Vorstand ansprechen will: Die echte Rechnung steht in keiner Quartalsbilanz. Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer rechnet in Dying for a Paycheck vor: Job-Stress kostet US-Arbeitgeber jedes Jahr 300 Milliarden Dollar an Fehlzeiten und Produktivitätsverlust. Plus rund 120.000 Tote durch arbeitsbedingten Stress. Amy Edmondson hat in einer Harvard-Studie an 51 Werksteams belegt, dass psychologische Sicherheit der einzige verlässliche Prädiktor für High-Performance-Teams ist. Und Gallup misst für 2025 weltweit nur noch 20 Prozent Engagement. Niedrigster Stand seit fünf Jahren. Geschätzter Produktivitätsverlust: 8,9 Billionen Dollar, neun Prozent des globalen BIP.

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Wer eine Restrukturierungs-Welle anzettelt, kassiert die Kostenersparnis sofort. Burnout in den Bleibern, Top-Talente, die vorsorglich kündigen, Innovation, die einfach aufhört. Das schlägt zwei Quartale später auf. Bis dahin hat der Vorstand seine Boni schon abgerechnet. Restrukturierung wird auf den Lebensweg von Vorstandsverträgen optimiert, nicht auf den Lebensweg des Unternehmens. Microsoft macht das diese Woche zum ersten Mal in 51 Jahren und tut so, als wäre es Routine. Die echte Routine kommt erst, wenn drei Quartale später die Verbliebenen die Rechnung präsentieren. Bezahlt wird mit Vertrauen, das man danach nicht wieder kauft.

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Aussperrung 2: Brüssel und Peking sprechen die gleiche Sprache.

Seit Oktober 2025 zwingt eine Verordnung der Cyberspace Administration of China alle Influencer in Medizin, Recht, Gesundheit, Finanzen und Bildung, vor jeder Veröffentlichung verifizierte Diplome vorzulegen. Wer ohne Abschluss postet, riskiert Account-Sperre und 100.000 Yuan Bußgeld, rund 14.000 Dollar. Sechs Monate später ist die Bilanz: Millionen Accounts, deren Reichweite eingefroren oder im Review hängt. Plattformen wie Douyin, Bilibili und Weibo haften, wenn sie unzertifizierte Inhalte zulassen (Fortune).

Klingt nach autoritärer Hyperaktivität. Ist es auch. Jetzt die Pointe.

Am 29. April hat die EU-Kommission vorläufig festgestellt, dass Meta gegen den Digital Services Act verstößt. Begründung: Instagram und Facebook halten Minderjährige unter 13 nicht effektiv vom Zugang ab (EU Commission). Im Februar hatte Brüssel TikTok wegen suchterzeugendem Design gerügt. Schon im Oktober 2025 Meta und TikTok wegen mangelhaftem Forscherzugang. Bei Bestätigung drohen Strafen bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Und das ist nur eine Front. Auf der anderen liegen schon die ersten Beträge auf dem Tisch. 500 Millionen Euro gegen Apple und 200 Millionen gegen Meta unter dem Digital Markets Act. 120 Millionen gegen X unter dem Digital Services Act (European Business Magazine). Brüssel plant 2026 eine Eskalations-Welle gegen die Big Five mit einem möglichen Volumen jenseits 100 Milliarden Euro. Trump hat mit Vergeltung gedroht. Die Kommission hat genickt und weitergemacht.

Peking sagt: Du brauchst ein Diplom, um zu publizieren. Brüssel sagt: Du brauchst Compliance, um plattformfähig zu sein. In beiden Fällen entscheidet eine Behörde, was relevant ist. In beiden Fällen wird der Plattform-Betreiber zum Vollstrecker.

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Plattformabhängigkeit ist das eigentliche Risiko digitaler Souveränität, nicht Reichweite. Die Algorithmen, an die Unternehmen, Kreative und Behörden ihre Sichtbarkeit gekettet haben, sind in Europa weder offengelegt noch unabhängig prüfbar. Brüssel zieht jetzt die Daumenschrauben an, gleichzeitig hebeln US-Gesetze wie der Cloud Act den europäischen Datenschutz aus. Am 8. Mai, also vorgestern, hat Meta die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Instagram-DMs leise abgeschaltet. Begründung: zu wenig Nutzung. Realer Hintergrund: am 19. Mai tritt in den USA der Take It Down Act in Kraft, mit verschärften Takedown-Pflichten für Plattformbetreiber. Wer Geschäft, Kommunikation oder Information auf eine fremd regulierte Plattform packt, hat keine Souveränität. Er hat einen Mietvertrag mit zwei Vermietern, die sich gegenseitig die Tür eintreten.

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Aussperrung 3: MBS legt auf. Trumps Operation stirbt.

Am 4. Mai verkündet Donald Trump auf Truth Social in Großbuchstaben die Operation "Project Freedom". Geleitschutz der US-Marine für Frachter durch die seit Februar blockierte Straße von Hormuz. Heroische Worte. Einen Tag später, am 5. Mai, setzt Trump die Operation aus. Begründung in der Pressemitteilung: "great progress" Richtung Verhandlungslösung.

Die echte Begründung kam aus Riad. Saudi-Arabien hat den USA mitgeteilt, dass die Prince Sultan Airbase nicht genutzt werden darf. Der saudische Luftraum für US-Kampfflugzeuge: gesperrt. Kuwait hat sich angeschlossen. Ohne Luftraum kein Schutzschirm. Ohne Schutzschirm keine Mission (Times of Israel, NBC News).

Mohammed bin Salman hat persönlich mit Trump telefoniert. Resultat: keine Einigung. Argument der Saudis: Trump hatte die Operation nicht abgestimmt, sie riskiere einen iranischen Vergeltungsschlag auf saudische Ölfelder. Heißt im Klartext: Der vermeintlich engste Verbündete der USA in der Region hat den US-Präsidenten aus seinem eigenen Operationsplan gekippt. Mit einem einzigen Telefonat. Ohne UN, ohne Sanktion, ohne Krieg. Per Hörer aufgelegt.

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Hormuz ist nicht ausgestanden, Hormuz fängt gerade erst an. EU-Energiekommissar Dan Jørgensen spricht von der schlimmsten Energiekrise aller Zeiten und beziffert den Schaden für Europa auf 500 Millionen Euro pro Tag. Lufthansa streicht 20.000 Flüge bis Oktober und parkt 27 Kurzstreckenmaschinen samt vier A340-600 dauerhaft. Der deutsche Flughafenverband rechnet mit 20 Millionen betroffenen Passagieren allein in Deutschland. Die Märkte stehen in Schockstarre, weil keine Seite einen funktionierenden Plan hat: Trump kündigt Operationen an, Riad legt auf, Iran lässt die Straße zu. Wenn die größte angekündigte Marineoperation des Jahres an einer nicht erteilten Landeerlaubnis scheitert, prägt das nicht nur den Sommer. Es prägt die Quartale danach. Wer jetzt seine Lieferketten, seinen Treibstoff oder seine Logistik nicht stresstet, kommt im Herbst zu spät.

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In eigener Sache.

Drei kurze Updates aus dem Maschinenraum.

Erstens: Die Webseite ist runderneuert. Sparring, Keynotes, Beratung, alles direkt unter stephanbaier.de. Wer sich ein Bild machen will, schaut rein.

Zweitens: Wir haben für den Business-ohne-Bullshit-Podcast einen Co-Host gefunden. Kein Solo-Format, sondern zwei Stimmen mit Boardroom-Erfahrung. Vorstellung in der nächsten Ausgabe, Aufnahme der ersten Folge nächste Woche.

Drittens: Knapp 1.800 Abonnenten. Vor zwei Monaten waren es noch 700. Danke an jeden, der weitergeleitet hat. Wer den Newsletter weiterempfehlen will, leitet ihn einfach weiter oder schickt jemandem stephanbaier.de.

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— Stephan


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Stephan Baier

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