Hey. Kleines Jubiläum: Ausgabe fünf von Business ohne Bullshit im Versand.
OpenAI hat 2026 rund 25 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Und verbrennt 14 Milliarden. Geplanter kumulierter Verlust von 2023 bis 2028: 44 Milliarden Dollar. Profitabel frühestens 2029. Das ist kein Geschäftsmodell. Das ist ein Tropf.
Der Tropf kommt von Venture Capital. 211 Milliarden Dollar sind 2025 allein in AI geflossen. Das sind über die Hälfte aller globalen VC-Investments. Rund 60 Prozent davon in der Bay Area. SoftBank allein hat 40 Milliarden in OpenAI gesteckt. Eine der größten Finanzierungsrunden der Geschichte.
Was heißt das für dich, der du vielleicht gerade überlegst, ob du die halbe Abteilung durch Copilot ersetzt? Es heißt: Die 50 Cent pro Million Tokens, mit denen du kalkulierst, sind nicht der echte Preis. Sie sind der Preis bis die Subvention endet.
Kennst du die Zahlen? Uber hat bis zum ersten Profit 2023 rund 31,5 Milliarden Dollar Verluste angehäuft. 13 Jahre lang Preise unter Kosten. 2025 sind die Fahrpreise um 9,6 Prozent gestiegen, die Platform Fees um 33 Prozent, die Fahrergehälter nur um 4,1 Prozent. Die Differenz kassiert die Plattform. 60 Prozent der Nutzer fahren seltener. Uber ist heute teurer als das Taxi es je war.
Jetzt pack das auf AI. OpenAI zahlt 2026 geschätzt 14 Milliarden Dollar für Inference allein. Bei jedem Call, den du machst, legt OpenAI drauf. Gartner prognostiziert bis 2030 nochmal minus 90 Prozent bei den Inference-Kosten. Stimmt wahrscheinlich. Nur wirst du die Preise nicht parallel sinken sehen. Du wirst sie steigen sehen. Weil das der Plan ist.
Und selbst in Deutschland läuft der gleiche Film. Die SAP-Aktie hat seit Jahresbeginn 27 Prozent verloren, vom Jahreshoch im Juni sogar 44. Der DAX dagegen plus 21. CEO Christian Klein hat den Vertrieb abgegeben und sitzt jetzt persönlich in jeder AI-Sitzung. Parallel hat die deutschsprachige SAP-Anwendergruppe DSAG 2026 nachgemessen: Von ihren Mitgliedern mit AI-Cases in Produktion bauen 77 Prozent auf Non-SAP-Lösungen. Nur 3 Prozent auf SAP. Das sind SAPs eigene Kunden. Die haben mit Budget abgestimmt. 77 zu 3. Für alle außer SAP.
Dann die Einsparungs-Rechnung im Mittelstand, die gerade in jedem zweiten Management-Meeting aufgemacht wird. Vorher: 480 Euro im Monat SaaS-Lizenzen pro Mitarbeiter. Nachher: 1.200 Euro Token-Budget plus Entwicklungsressourcen plus Wartung plus jemand, der versteht, warum die Antwort diesmal falsch war. Die 480 Euro waren verhandelte Preise auf einem reifen Markt. Die 1.200 Euro sind der Lockangebot-Preis in einem Markt, in dem allein OpenAI 14 Milliarden Verlust pro Jahr schreibt und Hunderte kleinerer Labs ihr VC parallel durchziehen.
AI ist real. Die Preise sind es nicht. Wer gerade Gehälter durch Tokens ersetzt, tauscht messbare Personalkosten gegen eine Compute-Rechnung, die Venture-Kapital gerade zur Hälfte bezahlt. Die Einsparung heute ist eine Wette, dass ein Markt, in dem allein OpenAI 14 Milliarden Verlust pro Jahr macht und global 211 Milliarden VC verbrannt werden, die Preise nicht anpasst, wenn die Subvention endet. Uber ist heute teurer als das Taxi. Tokens werden irgendwann teurer als der Mensch. Das ist keine Disruption. Das ist eine Kostenverschiebung mit Zeitversatz. Und der Personalabbau, der heute damit begründet wird, lässt sich nicht rückgängig machen, wenn der Preis dreht.
Am 10. April hat Katherina Reiche einen Gastbeitrag im Handelsblatt veröffentlicht. Titel: "Wir sollten das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln." Drei Tage später kommentiert Bernd Raffelhüschen, Finanzwissenschaftler an der Uni Freiburg und langjähriger Befürworter einer höheren Regelaltersgrenze, im Focus: Rente mit 70 sei "vollständig berechtigt" und "längst überfällig". Die Rentenkommission soll bis Ende Juni Vorschläge liefern.
Klingt nach Mathematik. Ist politische Arithmetik. Weil eine Zahl in der Debatte immer fehlt.
Die Zahl heißt: 6 Jahre. Das ist der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen einem Mann mit Hochschulabschluss und einem Mann mit Grundbildung, gemessen ab 40. Max-Planck-Institut für demografische Forschung, 2016. Das DIW Berlin hat 2019 die obersten 10 Prozent der Verdiener mit den untersten 10 Prozent verglichen. Ergebnis: 7 Jahre Unterschied. Und Statistik Austria sieht zwischen Akademikern und Menschen mit Pflichtschulabschluss sogar 7,6 Jahre. Die Schere wächst, je jünger die Jahrgänge werden.
Jetzt die zweite Zahl. Die Bauhauptbranche: Ein Drittel der Bauarbeiter geht in Erwerbsminderungsrente, im Schnitt mit 58 bis 59. Nur einer von zehn schafft es zwischen 60 und 65 überhaupt noch auf die Baustelle. Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer in Deutschland liegt bei 20,5 Jahren. Der Dachdecker liegt drunter. Der Unternehmensberater drüber.
Jetzt die dritte Zahl, die eigentlich ein Leerraum ist. Die Deutsche Rentenversicherung veröffentlicht keine Rentenbezugsdauer nach Berufsgruppe. Der Datenpunkt existiert intern. Er wird nicht publiziert. Wer von der Kopplung profitiert, wird systematisch nicht sichtbar gemacht. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist eine Designentscheidung.
Zwei Männer, beide 45 Jahre eingezahlt. Thomas, Dachdecker, geht mit 64 in Erwerbsminderung und stirbt mit 71. Sieben Jahre Rente. Sebastian, Berater, geht mit 67 und stirbt mit 83. Sechzehn Jahre. Sebastian bekommt 2,3 Mal so viel aus dem gleichen System, weil er länger lebt.
Hier kommt der Punkt, den Reiche gern unterschlägt. Dänemark hat die Kopplung seit 2006. Heutiges Rentenalter: 67. Ziel: 68 in 2030, 69 in 2035, 70 in 2040. Die dänische Reform ging durch das Parlament mit breiter parteiübergreifender Mehrheit. Sozialdemokraten, Liberale und die rechtspopulistische Dansk Folkeparti haben gemeinsam zugestimmt.
Warum? Weil Dänemark parallel differenziert. Es gibt die Tidlig Pension, die Frühpension für Beschäftigte mit 42 einbezahlten Jahren und vorzeitigem Ausstiegsrecht. Es gibt die Seniorførtidspension für gesundheitlich eingeschränkte Arbeitnehmer. Es gibt Früh-Austiegsrechte für lange oder körperliche Arbeitsbiographien. Das System zieht das Alter hoch UND baut Rampen für die, die das neue Alter nicht erreichen.
Und Raffelhüschen hat selbst zugegeben: Ohne gleichzeitige Anhebung des Rentenalters für alle würden Akademiker bei einem Beitragsjahre-Modell sogar noch stärker profitieren. Weil sie später einsteigen und länger leben. Ein O-Ton, der in den deutschen Kommissionssitzungen bemerkenswert selten wiederholt wird.
Die deutsche Rentenkommission hat 13 Mitglieder. Alle acht Wissenschaftler darunter tragen einen Professorentitel. Der Gestalter profitiert vom eigenen Vorschlag. Das ist Governance-Grundstudium, erstes Semester.
Das Rentensystem ist die größte unsichtbare Umverteilung Deutschlands. Von unten nach oben. Per Sterbeurkunde. Dänemark hat die gleiche Kopplung, aber mit Härtefallregelungen, Frührentenkorridoren und Berufsgruppen-Rampen. Deutschland kopiert die Schlagzeile und lässt das System weg. Wer heute "Rente mit 70" sagt, ohne "Bezugsdauer nach Beruf" zu sagen, sagt im Klartext: Der Dachdecker finanziert mit seinen letzten Lebensjahren die 20-jährige Rente des Beraters. Privatversicherer preisen den Bildungs-Koeffizienten in der Lebensversicherung ein. Die GRV tut so, als gäbe es ihn nicht. Das ist keine Fairness. Das ist Design.
Diese Woche hat Friedrich Merz auf X verkündet: Arbeitgeber können 2026 eine Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro zahlen. Steuerfrei. Sozialversicherungsfrei. Begründung: "gestiegene Benzinpreise". Unternehmen können die Zahlung steuerlich absetzen.
Die Mechanik klingt gut. Normalerweise kommen von 1.000 Euro brutto je nach Steuerklasse rund 500 Euro netto beim Arbeitnehmer an. Hier kommen volle 1.000 Euro an. Für den Empfänger. Wenn der Arbeitgeber überweist.
Genau da ist die Stelle. Das Wort "können".
Die Prämie ist freiwillig. Kein Betrieb ist verpflichtet. Was das in der Praxis heißt, kannst du dir ausrechnen. DAX-Konzern mit Tarifvertrag und Betriebsrat: wahrscheinlich ja. Mittelständler mit knappen Margen, gestiegenen Energiekosten und Auftragsbuch unter Vorjahr: wahrscheinlich nein. Dachdecker-Betrieb aus dem letzten Kapitel: ganz sicher nein.
Dann die Empfänger-Seite. Wer hat Anspruch? Arbeitnehmer. Wer nicht? Rentner, die Heizkosten haben. Selbständige, die den ganzen Tankstellen-Zuschlag selbst tragen. Arbeitslose, die Mobilitätskosten zum nächsten Jobcenter bezahlen. Kleine Handwerker im Familienbetrieb ohne Lohnabrechnung.
Die Gruppe, die die Benzinpreise am härtesten trifft, steht nicht auf der Empfänger-Liste. Die Gruppe, die das Geld am ehesten auszahlen kann, trifft es am wenigsten. Das ist nicht symmetrisch. Das ist umgekehrt.
Und dann die Mechanik-Frage. Warum hebt die Regierung nicht einfach die Stromsteuer auf den europäischen Mindestsatz? Warum nicht die Pendlerpauschale für Geringverdiener? Warum nicht ein Mobilitätsgeld, das alle bekommen? Weil diese Wege den Haushalt treffen. Und die Entlastungsprämie trifft ihn nicht. Sie trifft die Unternehmen. Die können zahlen oder nicht. Die Regierung hat die Überschrift. Ohne die Kosten.
Die eigentliche Pointe steht zwei Absätze später im Merz-Tweet. Die Prämie ist gedacht "angesichts gestiegener Benzinpreise". Die Benzinpreise sind gestiegen wegen Hormuz. Hormuz ist nicht Merz' Hebel. Also delegiert er den einzigen Hebel, den er in der Hand hat, an Unternehmen, die ihn nicht ziehen müssen.
Eine Entlastung, die der Staat nicht selbst zahlt, ist keine Entlastung. Sie ist eine Pressemitteilung mit Anwenderkreis. Wer einen zahlungskräftigen Arbeitgeber mit Lust zur Geste hat, bekommt 1.000 Euro. Wer Rente bezieht, selbständig ist, arbeitslos ist oder in einem kleinen Betrieb arbeitet, schaut zu. Genau die Gruppen, die hohe Energiepreise am härtesten treffen, sind ausgeschlossen. Sozialpolitik funktioniert anders. Diese hier öffnet einen neuen Unterschied, zwischen denen, die bei guten Arbeitgebern angestellt sind, und allen anderen.
Letzte Woche stand hier: 96 Stunden. Das war die Halbwertszeit des Iran-Ceasefires vom 7. April. Heute sind es 12 Tage. Und es hat sich nichts bewegt.
Die Rückblende. 7. April: Trump verkündet zweiwöchigen Waffenstillstand. Pakistan hat vermittelt. Bedingung: Iran öffnet Hormuz. Brent fällt an einem Tag um rund 13 Dollar. Größter Tagesverlust seit 2020. Diesel-Futures brechen zweistellig ein. Die Märkte feiern.
Binnen Tagen eskaliert die Lage wieder: Iran verletzt die Öffnungszusage, die Straße bleibt de facto dicht. Offizielle Begründung: fortgesetzte US-Beschränkungen der iranischen Häfen seien eine Vertragsverletzung. Also gilt der Waffenstillstand für Iran nicht mehr. Einen Tag nach dem Ceasefire greift Iran die Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien an.
Heute, 19. April. Hormuz: dicht. Iran beschießt wieder Tanker. Der Ölmarkt hat den "Risikoaufschlag" längst wieder eingepreist. Golf-Staaten und europäische Führungen rechnen öffentlich mit Monaten, nicht Wochen, bis zu einem belastbaren Deal. Die deutschen Benzinpreise bleiben über 2 Euro pro Liter.
Keine Bewegung ist die Bewegung. Der Ceasefire war kein Wendepunkt, er war ein Angebot ohne Deckung. Iran liefert nicht Frieden oder Krieg. Iran liefert Unsicherheit als Betriebsmodus. Das ist die rationale Strategie einer Regionalmacht gegen eine Supermacht in Wahlkampfstimmung. Der Ölmarkt hat das verstanden. Die deutsche Bundesregierung auch. Deshalb die 1.000 Euro. Nicht als Lösung. Als Übergang, von dem niemand genau weiß, wohin er übergeht.
Vier Rechnungen diese Woche. AI-Kosten, die von Venture Capital getragen werden. Rentenlast, die auf Sterbeurkunden verteilt wird. Energiepreise, die Arbeitgebern zur Weitergabe überlassen werden. Golf-Sicherheit, bei der keine Seite mehr eine Lösung anbietet, weil beide auf die Uhr der anderen warten.
Besser delegieren als machen. Das ist der Satz, der über dieser Woche steht. Nur dass delegieren nichts löst. Es verschiebt den Moment, in dem jemand doch zahlen muss. Und in den meisten Fällen ist der Zahler nicht der, der delegiert hat.
Du hast ein Thema, das dich umtreibt? Schreib mir direkt: baierstephan@gmail.com
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— Stephan
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