Eine 20-Jährige verklagt Meta und Google. Und gewinnt.
Am Dienstag hat eine Jury in Los Angeles Meta und YouTube auf allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Die Plattformen seien "defekte Produkte", die absichtlich so gebaut wurden, dass sie die Gehirne von Kindern und Teenagern ausbeuten.
Die Klägerin, in Gerichtsunterlagen nur als "K.G.M." geführt: begann mit 6 Jahren YouTube zu schauen. Mit 9 auf Instagram. Sagte vor Gericht, sie sei als Kind "den ganzen Tag" in Social Media gewesen.
Das Urteil: 6 Millionen Dollar Schadensersatz. 3 Millionen Kompensation, 3 Millionen Strafzahlung. Meta trägt 70 Prozent. YouTube 30 Prozent. Mark Zuckerberg und Instagram-Chef Adam Mosseri mussten persönlich aussagen.
Aber die 6 Millionen sind nicht die Story. Die Story ist: was dieses Urteil kaputt macht.
Section 230 ist das Gesetz, das Tech-Konzerne seit Jahrzehnten vor Klagen schützt. Die Logik: Plattformen sind nicht verantwortlich für das, was User posten.
Das stimmte. Bis Dienstag.
Die Jury hat zum ersten Mal in der Geschichte getrennt: Inhalte sind das eine. Produktdesign ist was anderes. Infinite Scroll. Autoplay. Push-Notifications. Alles, was dich auf der App hält. Das ist kein Content. Das ist ein Produkt. Und Produkte können defekt sein.
Interne Meta-Dokumente, die im Prozess vorgelegt wurden:
Rosalind Gill, Professorin an der Goldsmiths University London: "Big Tech's 'Big Tobacco Moment'. Der Moment, in dem die Tabakindustrie akzeptieren musste, dass ihr Produkt schädlich ist. Und dass sie es wussten."
Die Zahlen dahinter:
TikTok und Snapchat waren ursprünglich auch angeklagt. Haben kurz vor Prozessbeginn vertrauliche Vergleiche geschlossen. Was dir alles sagt, was du wissen musst.
Jahrzehntelang hat die Tabakindustrie gesagt: Rauchen macht nicht süchtig. Wir wissen es nicht besser. Die Studien sind nicht eindeutig. Bis rauskam: Sie wussten es genau. Und haben trotzdem weitergemacht. Jetzt ersetze Nikotin durch Dopamin. Ersetze Zigaretten durch Infinite Scroll. Ersetze "wir wissen es nicht besser" durch "basically pushers". Das Playbook ist identisch. Nur die Droge ist digital.
6 Millionen Dollar sind für Meta Portokasse. 201 Milliarden Dollar Umsatz in 2025. Aber das Urteil ist kein Einzelfall. Es ist ein Pilotprozess. Einer von über 2.400. Multiplizier die Schadensersatzsummen mal durch. Die 375 Millionen aus New Mexico geben die Richtung vor. Und das Grundsatzurteil steht: Social Media kann ein defektes Produkt sein. Das ändert alles. Nicht morgen. Aber die Rechtsabteilungen in Menlo Park arbeiten gerade Nachtschichten. Zurecht.
Das AI-Unternehmen, das mit "AI Safety" wirbt, hat gerade die größte Sicherheitspanne der Branche hingelegt.
Am Mittwoch deckten Sicherheitsforscher auf: Anthropic hatte knapp 3.000 unveröffentlichte Dokumente in einem öffentlich zugänglichen, unverschlüsselten Datenspeicher liegen. Darunter: der Entwurf eines Blogposts, der ein neues Modell ankündigt. Codename: Claude Mythos. Interner Projektname: Capybara.
Anthropics Reaktion: "Human Error" bei der Konfiguration des Content-Management-Systems.
Was in den geleakten Dokumenten steht:
Das Modell sei ein "Step Change" in der KI-Leistung. "The most capable we've built to date." Dramatisch höhere Scores als Claude Opus 4.6 bei Coding, akademischem Reasoning. Und bei Cybersecurity.
Hier wird es relevant.
Aus den internen Dokumenten: Mythos ist "currently far ahead of any other AI model in cyber capabilities". Es "presages an upcoming wave of models that can exploit vulnerabilities in ways that far outpace the efforts of defenders."
Übersetzt: Das Modell kann Sicherheitslücken in Software schneller finden und ausnutzen als jedes andere System. Schneller als die Leute, die diese Lücken eigentlich schließen sollen.
Anthropics Plan: Das Modell zuerst an Cyber-Verteidiger geben. Ihnen einen Vorsprung verschaffen, bevor die nächste Welle von KI-Angriffstools kommt.
Cybersecurity-Aktien fielen nach der Meldung. Software-Aktien ebenso.
Die Ironie ist so dick, dass man sie schneiden kann. Das Unternehmen, das sich "AI Safety" auf die Fahne schreibt, leakt sein eigenes gefährlichstes Modell über einen ungesicherten Datenspeicher. 3.000 Dokumente. Öffentlich. Unverschlüsselt. Du kannst nicht glaubwürdig über KI-Sicherheit reden, wenn du nicht mal dein eigenes CMS absichern kannst. Und trotzdem ist die eigentliche Nachricht eine andere: Wir sind an dem Punkt, an dem KI-Modelle schneller Sicherheitslücken finden als Menschen sie schließen können. Das ist keine Science-Fiction. Das ist ein Draft-Blogpost von letzter Woche.
Während Meta im Gerichtssaal sitzt und Anthropic seine Dokumente einsammelt, redet die mächtigste Frau Europas Klartext.
Christine Lagarde, EZB-Präsidentin, in einem Interview mit The Economist diese Woche: Der Iran-Krieg sei ein "realer Schock", der "probably beyond what we can imagine at the moment" sei.
Ihre Warnung: Die Märkte sind zu optimistisch. Technische Experten sehen keine schnelle Rückkehr zur Normalität. Die Zerstörung der Energieinfrastruktur sei so massiv, dass die meisten Experten von Jahren reden. Nicht Monaten. Jahren.
Die EZB rechnet mittlerweile mit drei Szenarien:
Öl- und Gaspreise wurden seit Dezember um 30 bzw. 57 Prozent nach oben korrigiert. Und Lagarde warnt: Unternehmen haben die Inflation von 2022 noch im Kopf. Sie werden schneller Preise erhöhen als damals. Weil sie gelernt haben, dass sie es können.
Der ifo-Geschäftsklimaindex bestätigt das Bild. Von 88,4 auf 86,4 Punkte im März. Die Erwartungen von 90,2 auf 86,0. Stärkster monatlicher Rückgang seit drei Jahren. ifo-Präsident Clemens Fuest: "Der Krieg im Iran beendet vorerst die Aussicht auf einen Aufschwung."
Tourismus, Logistik, Bau: am härtesten getroffen. Die GfK-Sparneigung auf 18,9. Höchster Wert seit der Finanzkrise 2008. Die Deutschen sparen, statt zu konsumieren. Weil sie Angst haben.
Und letzte Woche hat die EZB klargemacht: Sie wird Zinsen erhöhen, wenn nötig. Auch wenn der Inflationsschub kurzlebig sein sollte. Lagarde: Die EZB werde sich nicht "von Zögern lähmen lassen."
Letzte Woche habe ich über Helium, Chips, Düngemittel geschrieben. Die Kettenreaktionen, die Monate brauchen. Lagardes Warnung passt genau dazu. Die Märkte preisen ein: kurzer Schock, schnelle Erholung. Lagarde sagt: Vergesst es. Die Infrastruktur ist zerstört. Wiederaufbau dauert Jahre. Und solange diese Infrastruktur nicht steht, bleibt der Druck auf Energiepreise, Lieferketten, Inflation. Deutschland hatte seit 2022 nicht ein strukturelles Problem bei der Energieabhängigkeit gelöst. Und jetzt? Gleiche Verwundbarkeit. Zweite Krise. Drei Jahre später.
Du hast ein Thema, das dich umtreibt? Schreib mir direkt: baierstephan@gmail.com
Den Business ohne Bullshit Newsletter gibt es ab jetzt jede Woche. Peace.
— Stephan
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